Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 73)
- Language
- German
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3. Aber nein! Damit hätten wir ja den Karneval - erklärt! Hätten seilet uns von jenen alten Rationalisten fangen lassen, von den weisen Priestern, die ihn - geklärt, geläutert, weg-erklärt haben. Ihm so einen andern Sinn untergeschoben haben, daß die Narrheit sich selber nicht mehr verstand, sich Narrheit dünkte, ohne es zu sein. Und wenn sie nicht absichtlich als kluge Polizei ein ewig dummes Volk zum Narren gehalten, haben sie nicht unbewußt in der Diagonale der Kräfte eine Opposition, die gegen den Strom anwollte, ans Ufer abgeschoben, stromab landen lassen? Einen Radikalismus vernünftig gemacht und zum Element der Ordnung konzessioniert? Wie, wenn der Mensch gar keine Angst vor der Rückkehr zur Angst gehabt hätte, sondern im Gegenteil eine Sehnsucht nach den kruden Atavismen, einen Ekel vor vernünftigem Gesetz? Und das hätte mit aller Kunst von Logik und Astrologik ihm verborgen werden müssen? - Ich bitte, legen wir noch einmal unser Ohr auf den Boden; horchen auf noch ein tieferes Rauschen der Tiefe: rauscht nicht emporder Wille zum Rausch? Dessen Tollheit, nicht Narrheit, in allen Karnevalen des Dionysos raste. Dessen brüllender Seegang seine blutschaumgekrönten Wogen hertrieb vom Stromland des Orients über die Ufer Phrygiens, Thrakiens, in das hellenische Europa in so wütender Brandung, daß ihr Orgiasmus alle Ufer von Religion, Wissenschaft, Kunst und Leben überrannte . . . Doch das möchten große Worte scheinen. Seit Nietzsches großer Wille „das Dionysische" sich zur Losung gewählt, berauschen die GerngToßen sich gern an einem Schlager, dem für sie keine Sach-Kraft von Erkenntnis inwohnt. Um den Weltsturm des antiken Karnevals zu verstehn, müssen wir freilich sein Wehen an der Seele verspüren. Aber dazu vorab bescheiden die Tatsachen studieren: damit die Wirklichkeit auf uns wirke und das Wesen enthülle. Auch Mythologie und Religiongeschichte aber, zu sehr auf die äußeren Erscheinungen bedacht, haben die dionysische Verwirrung nicht innerlichst entwirrt. Haben Grund und Grenzen der bacchantischen Raserei gegen zufällig Ähnliches nicht wesenhaft abgesteckt. Haben obschon gewußt doch nicht bewußt betont: einerseits wie naturwidrig dieser neue Natur-Kult, anderseits wie bloß zeitweilig und in Perioden verlaufend. Die Dionysos-Orgien der orphischen Religion auferivecken in Schaltzeiten das ausgeschaltete Chaos.