Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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sprechen ihn nicht aus. Ihn feiert kein Tag; kein Tempel ist ihm angemessen; der Einklang unserer Geister und ihr unendlich Wachstum feiert ihn allein." Hier ist einer jener Durchbrüche, wie es in anderer Weise das Frühlingsfragment von Waltershausen war, wo über die gegenwärtige Reife des Lebens und der Anschauung hinaus, in einem Augenblick höchster Hingerissenheit, das geschaut wird, was erst viel später sicher angeeignetes Bild werden kann. Erst um die Zeit der Jahrhundertwende und in der Folgezeit, erst in den reifsten Elegien und Hymnen, ist wieder so deutlich ein Bild vor den Göttern geeinter Menschengemeinschaft gegeben. Erst viel später auch wird so fromm dem Einen Gotte gehuldigt und so klar das Medium seiner Offenbarung genannt. L nd wieder erst in jenen reifsten Gedichten sind die Götter alle so in dem Einen höchsten Gott versammelt wie hier, ein Urbild der Gemeinschaft in der reinsten ursprünglichsten Sphäre der Einheit. Der Charakter der Rede Diotimas als eines Vorstoßes in noch unerobertes Land erklärt es wohl auch, daß sie in der Schlußfassung des Hyperion nicht wiederkehrt und daß auch keine ähnlich deutliche und umfassende Äußerung sie dort ersetzt. Solches Gebiet konnte der Hölderlin von 1795 einmal betreten, aber auch der Hölderlin der Zeit von 1796 bis 1799 konnte noch nicht auf ihm siedeln und bauen. Einiges freilich ist auch hier Zeichen einer schon gesicherten Stufe. Wenn überhaupt von Hölderlin nach der Tübinger Zeit Götternamen und mythische Gestalten nicht mehr allegorisch verwendet wurden, so wird hier recht klar, wie durchaus eigentlich, in ihrer unableitbaren W irklichkeit die Götter für Hölderlin gelten. Nach den herrliehen Toten", den Helden und Heiligen aller Völker und Zeiten, personhafte Wesen wie sie, werden Erde und Sonne, Äther und Wasser gerufen und gefeiert. Sie sind nicht mehr „Zeichen"4, sinnliche Figuren, die etwas Abstraktes „bedeuten64. Sie werden in ihrem sinnlichnatürlichem Wesen, in ihren ungedeutet wirklichen Lebensfunktionen gepriesen. Die beiden Grundworte, die schon im metrischen Fragment in einiger Bedrängnis durch philosophische Hemmungen sich vorgewagt hatten, ,,\ erwandtschaft'" und „Begegnung44, kehren, das erste in der Anwendung ..Schwester", das andere unmittelbar wieder, befreiten und vollen Tones. Wenn nun auch der Geist des Wassers den Jünglingen, denen er in der Woge begegnet, die Melodie ihres Herzens spielt, der Äther das Ebenbild des Menschen- 303