Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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heit zu verachten; und der kleinste Umstand jagte mein Herz aus sich selbst heraus, und dann wurde ich nur desto leichtsinniger. Wollte ich klug sein, so wurde mein Herz tückisch, und die kleinste Beleidigung schien es zu überzeugen, wie die Menschen so sehr böse, so teuflisch seien, und wie man sich vor ihnen vorsehen, wie man die geringste Vertraulichkeit mit ihnen meiden müsse: wollte ich hingegen diesen menschenfeindlichen Wesen entgegenarbeiten, so bestrebte ich mich vor den Menschen zu gefallen, aber nicht vor Gott." Noch glaubt der Fünfzehnjährige, mit einer Aufbietung von Einsicht geleiteten Willens, einem moralischen Ruck sich solchem Widerspruch entreißen zu können. Heut, am Sonntag, faßte er „den festen Entschluß, ein Christ und nicht ein wankelmütiger Schwärmer, klug, ohne falsch und menschenfeindlich zu werden, gefällig gegen den Menschen, ohne mich nach ihren wahrhaftig sündlichen Gewohnheiten zu richten . . ." Er weiß nicht, daß er schon fest eingetan ist in seine Passion, aus der es keinen Weg in sichere Freiheit gibt, durch die hindurch der heilige Leidensweg gegangen sein muß bis in die äußerste Nacht. Auch in diesem Brief erscheinen die Augenblicke religiöser Erhebung als solche, in denen „insonderheit die Natur einen außerordentlich lebhaften Eindruck" auf das Herz des Knaben machte. „Aber ich konnte niemand um mich leiden" - den gleichen Konflikt zwischen dem Heimatgefühl in gotterfüllter Natur und der Fremdheit zu den Menschen sagt rückschauend das spätere Gedicht aus: Da ich ein Knabe war, Rettet ein Gott mich oft Vom Geschrei und der Rute der Menschen, Da spielt ich sicher und gut Mit den Blumen des Hains, Und die Lüftchen des Himmels Spielten mit mir. Im Brief ist es noch der Eine Gott und er allein, den Hölderlin in der Natur anruft, wie dann auch in den „Meinigen"; so redet denn das spätere Gedicht die Naturgötter Helios und Luna an: Zwar damals rief ich noch nicht Euch mit N amen . . . . . . doch kannt ich euch besser 298