Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Hier sind drei Elemente ineinander verschlungen, die, eben in solcher Verflochtenheit, aber auch in ihrem Widerspiel gegeneinander, für Hölderlin entscheidend blieben: Natur, Gottheit, Liebe. Der Glanz, mit dem der abendliche Strom ihn überraschend anblickt, weckt das Gefühl der Gottheit im Knaben. Er ruft sie an „Vater", und in gemeinsamer Kundschaft begegnet er dem Bruder; Gebet und Umarmung sind eins. Dies Bild der Beter, die in geliebter Natur sich liebend umfangen, so unbeholfen gemalt, steht doch als Wahrzeichen im Eingang von Hölderlins Dichtung. Wirklich und sinnbildlich umschließt es die religiösen Akte, die für Hölderlin die wichtigsten bleiben. Aus der Natur tritt Gottheit die Menschen an, sie stiftet Einung zwischen ihnen, und Einung zwischen ihnen ist es auch, mit der sie verehrt werden will. Solehen Gesrhehnissen werden wir immer wieder in Hölderlins Leben und Diehten begegnen. Mit dem vertrauten Halbbruder in der Natur vor Gott allein, hatte der Knabe leicht die Einigung mit dem andern Menschen vollziehen können, auf welche das Gefühl von der gegenwärtigen Gottheit in ihm drang. Aber es galt mehr und Schwereres, Überschweres: das Gebot dieses Dringens zu vollziehen unvertrauten Menschen gegenüber, die ihm nicht bereit waren und denen er nicht bereit war. Leidet immer ein empfindsames Kind im Erfahren, daß Mauern der Fremdheit zwischen ihm und den andern stehen - wie viel mehr mußte dieser Knabe leiden, dem, nicht erst durch Lehre vermittelt, sondern im Herzen laut, das Geheiß Gottes hörbar war, die Fremdheit zu überwinden. Ihm wurde die Mauer zwischen sich und dem Nächsten, konnte er sie nicht durchbrechen, Mauer zwischen sich und Gott. In solcher Not zeigt ihn der Brief, den er 1785 aus Denkendorf an seinen früheren Lehrer, den Diakonus Köstlin in Nürtingen richtet. Dem trägt er die Frage vor, die ihn quält: „wie man doch Klugheit in seinem Betragen, Gefälligkeit und Religion verbinden könne. Es wollte mir nie recht gelingen; immer wankte ich hin und her. Bald hatte ich viele gute Rührungen, die vermutlich von meiner natürlichen Empfindsamkeit herrührten, und also nur desto unbeständiger waren. Es ist wahr, ich glaubte, jetzt wäre ich der rechte Christ, alles war in mir Vergnügen, und insonderheit die Natur machte in solchen Augenblicken (denn viel länger dauerte dies Vergnügen selten) einen außerordentlich lebhaften Eindruck auf mein Herz: aber ich konnte niemand um mirii leiden, wrollte nur immer einsam sein, und schien gleichsam die Mensch- 297