Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 3 · page 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 3
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 47)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823779--0794-2824744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

LUDWIG STRAUSS NATUR UND GEMEINSCHAFT STÜCKE EINER HÖLDERLINBIOGRAPHIE 1. Stamm In der Art des schwäbischen Stammes scheinen alle Wesenheiten deutscher Art aufs deutlichste ausgeprägt, auch die gegensätzlichsten einander innig verbunden und, in ständiger Spannung zueinander, Eines zu sein. Länger als anderswo hält sich hier die Freiheit der schaffenden Person gegen die eindringende Leibeigenschaft. Früher als anderswo gewährt eine Verfassung dem Volke Rechte, deren reine Wiederherstellung noch bis ins neunzehnte Jahrhundert den Rufern nach Volksfreiheit Ziel blieb; mit sicherem Stolz bekennen die Kämpfer sich hier nicht als bloße Neuerer, sondern als Erneuerer heimischer Überlieferung. Als zur Reformationszeit die reine Lehre der Evangelien wieder gehört wird, ist hier und beim benachbarten fränkischen Stamme der Ort, wo man sich nicht mit dem Hören und Glauben der Lehre begnügen, sondern aus ihr die Not der Gegenwart wenden, das tägliche Leben der göttlichen Botschaft gemäß gestalten will. Und von hier wandern in der Folge immer wieder ganze Gemeinden nach fernen Ländern des Ostens und Westens, um Lehre in Leben einzukörpern, an neuem Ort neue Gemeinschaft zu versuchen. Selten aber stimmen der Drang nach persönlicher Freiheit und der nach enger Gemeinschaft harmonisch zusammen. Aus dem ersten spaltet ein Sonderlings- oder Rebellentum sich ab, aus dem zweiten ein pedantisches Regelleben, das bald in philiströser Gewöhnlichkeit, bald in puritanischer Strenge den Einzelnen gefaugenhält und dem Ganzen, mit dem Hymnenwort, „die Liebesbande zu Stricken verderbt". Weichheit und Rauheit, Flügelschnelle des Traums und Langsamkeit des Werdens und Tuns, Erneuerungssehnsucht und Hangen am Ältestgewohnten, nichts sparende Hilfsbereitschaft und hartköpfiges Bestehen auf Eigenem, Grenzenlosigkeit des Gefühls und engste Gebundenheit des Lebens - im Stamm und oft im Einzelnen wirken sie hier dichter als anderswo beieinander, streben gegen- oder ineinander und treiben, gesondert, gemischt oder geeint, oft wunderliche, manchmal wunderbare Frucht. In keinem anderen deutschen Stamm wurde so oft wie in diesem schweren und verworrenen die reine Stimme des Genius laut. Wenn Deutschland, nach Hölderlins Verkündung, das Herz der 293

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.