Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 3 · page 46

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 3
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 46)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823779--0793-2824743
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Menschheit erhebt sich die Frage: „Wer macht den Anfang?44 Die Menschen wissen also, daß Entscheidung, Schuld, Ehre, Wagnis im Anfang verborgen und offenbar wird. Die Frage nach dem Anfang, dem Prinzip, dem ersten Grunde bestimmt die gesamte Wissenschaft der Philosophie. Es muß der „erste Grund46 noch eine andere als die bloß sprachliche Ähnlichkeit mit meinem Wiesengrunde haben, der mich oft so anlockt, als könne er gerade die unaussprechlichen, aber desto mehr im Innern drängenden Fragen meines Wesens beantworten. Die Theologen sahen sich schon in den ersten Zeiten des jahrtausendealten und bis jetzt noch nicht entschiedenen Streites um das Verhältnis von Gott und Mensch beim Werk, von Natur und Ubernatur, Freiheit und Gnade, an das Territorium des Anfangs gedrängt, an das „Initiumfidei44, wie sie sagten. Dort am „Eingang44 - mir ist's, als ob es von dort bis zum Anfang nicht viel weiter wäre als vom Stadttor bis zum Ring und Turm - schieden sich die Geister. Die einen sagten: „Die Stadt gehört schon zum Himmel44, die anderen: „Sie gehört noch zur Erde.44 Ich sage: „Sie gehört zu einem Himmel, der von dort aus die Erde erobert, erneuert, verklärt; sie gehört zum Himmel und zur Erde, wie Gott selber zum Himmel und zur Erde gehört.44 Was immer ich in den Büchern der Wissenschaft über den Anfang gefunden habe, erinnert mich an die Punkte oder Ringe, mit denen auf der Landkarte oder im geographischen Atlas die Städte und Dörfer angedeutet sind. So verschieden, wie ein solcher Punkt auf der Landkarte von einer wirklichen Stadt auf der Erde ist, so verschieden ist der Anfang in unserem wissenschaftlichen Denken vom wirklichen Anfang: dort ein Zeichen, hier wimmelndes Leben. Vielleicht ist es auch so mit dem Ende. Es gibt viele Bücher mit dem Titel: „Die Anfänge dieses oder jenes Staates, dieses oder jenes Ordens, dieser oder jener Bewegung.44 Solche Bücher konnten immer nur ganz fern vom Anfang geschrieben werden. Am wirklichen Anfang greift keiner zur Feder, und keiner tut den Mund auf. Es ist mit solchem Anfang so wie mit dem Grundstein eines öffentlichen Gebäudes; ich war sehr enttäuscht, als ich das erstemal an einer Grundsteinlegung teilnehmen durfte und nun merken mußte, daß schon Hunderte von Steinen in den Grund gelegt waren. Auch der Anfang ist ein Geheimnis wie alle Dinge dieser Welt. Man weiß am meisten von ihnen, wenn man endlich dies weiß. 294

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.