Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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Reich geistiger Schöpfung wird heutzutage meist verdeckt. Bücher, deren Vorrede überschrieben ist mit den Worten: „Mein lieber Leser" sind gewöhnlich schon sehr alt. Bücherschreiber von heute genieren sich, den „wohlwollenden Leser" anzurufen. Das wäre unmodern. Immerhin verraten sie noch oft genug, daß ihnen Gefährtschaft not scheint; sie sagen nicht gern: „Ich", sondern: „Wir", deuten dies aber, da sie von ihrem Notstand vor dem Geiste nichts wissen, als Bescheidenheitsformel, obwohl es gar nicht bescheiden ist, statt „Ich" „Wir" zu sagen. Nein, man muß sich an jemanden anhalten, auf jemanden zuwenden können, sonst gelingt es nicht, und es ist sehr fraglich, ob Niederschriften, Reden, Bücher, bei denen jener Notstand gar nicht vorhanden gewesen zu sein scheint, überhaupt irgendeine geistige Kraft haben. Auch ungeistige Zeiten und Welten haben ihre Bücher. Und es gibt gewiß auch dirnenhaft Geistiges, zu dem der Zutritt leichter ist. Wenn nun mein Vater das Datum und die Anrede niedergeschrieben hatte, legte er wohl die Feder ein wenig beiseite. Sein Auge suchte das Fenster; es wollte möglichst weit schauen, weit über den Leppelthügel hinweg, wohl zum fernen Schneegebirge und noch darüber hinaus. Es hatte aber den deutlichen Anschein, als ob seine Schau nach auswärts zugleich eine ebenso ferne Schau nach inwärts wäre. Mit dem Blickraum erweiterte sich auch die Brust, und es weitete sich auch ein Raum in der Seele. In diesem Räume zeigten sich bald die ersten Worte, die geeignet wären für den Beginn des Briefes. Die ersten Worte eines Schreibens haben eine gewisse Führerschaft, wenigstens eine Strecke lang. Sie können diese Führerschaft nach einer Weile an andere Worte abtreten, aber zunächst bestimmen sie den Weg. Als Führer müssen sie sich vor anderen auszeichnen in Klang und Rhythmus, nicht etwa nur deshalb, weil der Briefschreiber eitel wäre auf einen schönen Anfang - es kann dies auch sein - sondern weil aus dem zu schaffenden geistigen Werke selbst der Befehl dazu kommt. Auch Gedanken und Worte wollen sich nicht von lumpigen Gestalten führen lassen. Mögen nun auch Klang und Rhythmus die Auswahl stark bestimmen, entschieden wird sie durch die geistige Fülle der zur Wahl stehenden Worte. Wenn ich recht sehe und mich recht erinnere, steht der Mensch bei jeglichem Anfang ganz stark unter dem Eindruck, daß mit diesem Anfang 286