Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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eine Scheidung der Zeiten geschieht. Er denkt an die Zeit, und er muß, wenn er sich den Urgesetzen seines Wesens noch nicht entzogen hat, ein Wort davon sagen. Es ist bekannt und oft belacht - eben weil es so echt menschlich im wahrsten Sinne dieses Wortes ist -, daß ursprüngliche Menschen, wenn sie ein größeres Thema zu behandeln haben, gern „auf Adam und Eva zurückgehen". Mir selbst ist es bei mehreren Schulaufsätzen passiert. Es ist lächerlich, aber es steckt etwas dahinter. Es steckt dahinter das Geheimnis von den weiten Reisen unserer Seele, wenn sie einen Anfang sucht. Ein Grafschafter Pfarrer war von dem geistlichen Revisor getadelt worden, daß er die vom Statut geforderte Ortschronik noch nicht geschrieben habe. Da ließ sich der Witzbold beim Tischler sechs Holzklötzer in Form gebundener Bücher zurechthobeln, umklebte sie mit marmoriertem Buchbinderpapier und versah sie am Rücken mit einer weißen Etikette und schrieb auf den ersten Band: „Geschichte des Dorfes X vom Anfang der Welt bis König David", auf den zweiten: „Von David bis Christus", und so weiter. Ich muß diese Anekdote erzählen, weil sich unter dem Schutze des Witzes der nach Uranfängen verlangende Geist des Pfarrers offenbart. Meinem Vater kamen, wenn er an seine Schwester Agnes schrieb, immer die Worte ein: „Es ist endlich an der Zeit, die Feder zu ergreifen und Dir einen Brief zu schreiben." Er benutzte diese Worte nicht immer, denn er meinte, man müsse auch anders anfangen können. Aber wenn er sich ganz sich selber überlassen hätte und keinem Ehrgeiz gefolgt wäre, so hätte er immer begonnen: „Es ist endlich an der Zeit.** Ich muß dabei an die Worte denken, mit denen in unserer kleinen Schulbibel das „Neue Testament" begann: „Als die Fülle der Zeit gekommen war . . Sobald der Vater jene Worte niedergeschrieben hatte, war alle Wahl und Qual vorüber. Wie ein Füllhorn schüttete die vollendete Zeit ihren Inhalt auf das Briefpapier. Ein Wort gab das andere, bis der Bogen gefüllt war. An dies alles mußte ich denken, als ich einmal etwas anfangen wollte. Ich wußte, daß ich etwas schreiben müsse, und meinte, es fehle mir nur der Anfang. Das erste Wort, hoffte ich, würde das zweite, das zweite würde das dritte geben, aber es müßte das rechte erste Wort sein. Wohl erinnerte ich mich der Mahnung eines meiner früheren Lehrer, man müsse sich erst über alles klar werden, ehe man schreibe; sobald alles recht 287