Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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vollen Weg oder Sprung zum lebendigen Worte zu beschreiben. Gern will ich auch zugeben, daß ein Prediger oder Briefschreiber, besonders wenn er darauf aufmerksam wird, mit starker Beherrschung die äußerem Zeichen seiner unwillkürlichen Ehrfurcht unterdrückt. Es ist hier wu* allerorten Tyrannei möglich, aber keine Tyrannei ist gesegnet; die Ordnung, die sie schafft, ist eine Schein Ordnung; sie trübt und blendet den Blick; wenn wir eine reine Erkenntnis begehren, müssen wir den Herrschaftsbereich des Tyrannischen fliehen. Auch jegliche Ungeduld zerstört die Linien der Erkenntnis. Ich höre die Forderung: „In medias res!44 Sie gehört zu den Brutalitäten des Menschengeschlechtes. Wohl gehorcht ihr manchmal die Lippe oder die schreibende Hand, niemals aber das Leben. Was sie schallt, i.^t wurzellos. Ja - und dann schrieb mein Vater die Anrede: „Meine liebe Schwester Agnes!" Schrieb sie immer noch langsam, feierlich, zögernd, hilfesuchend, so als möchte er am liebsten bei diesen Worten verweilen; als möchte er aus diesen Worten möglichst lange und möglichst viel Kraft schöpfen; als sähe er in diesem Namen nicht nur die Scheuer, in die er das zu erobernde Gut bergen wollte, nicht nur Richtung und Ziel seines Schreibens, sondern auch die Schwelle, auf der er noch einmal stehen bleiben könnte, oder auch das Geländer, an dem er sich möglichst lange festhalten wollte; als sei diese Anrede noch etwas Festes und Sicheres, so zwar, daß diese Festigkeit und Sicherheit in ihm emporstreben und ihn zu seinem Werke befähigen könnte. Ich habe dies alles gespürt und erprobt, wenn ich am Beginn meiner Predigten sagte: „Meine heben Christen!*4 Um alles in der Welt hätte ich auf diesen Teil meiner Predigten nicht verzichten können. Ich mußte sogar bei meiner schriftüchen Vorbereitung auf die Predigt die Anrede niederschreiben; sonst ging es nicht weiter. Es kann ja auch kein Komponist den ersten Takt seines Liedes weglassen. Und wenn es geboten wäre oder wenn es erzwungen werden müßte, dann geschähe der Vorgang doch in Stummheit und Unsichtbarkeit, aber mit dem Schmerz eines vergewaltigten Geschöpfes. Es kann niemand ganz allein an das geistige Leben heran. Sein Reich ist verschlossen wie ein Tresor, dessen Schlüssel in drei Händen sind. Als Gott das Menschenleben schuf, sprach er nicht wie einer, der allein ist, sondern: „Machen wir Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis." Das Herbeirufen eines Gefährten vor dem Eintritt in das rätselhafte 285