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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 3 · page 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 3
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 35)
Language
German
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stimmte Zeit gebunden; sie flattert nicht mehr lose in Zeitlosigkeiten, erhebt keinen Anspruch auf ewige Gültigkeit, sondern fügt sich in Demut dem Schicksal, daß auch das Wahrste zunächst nur heute gilt; sie irrt aber auch nicht nackt umher, sondern trägt das Kleid der Zeit an sich. Keine andere Zeit kann sie mehr für sich beanspruchen. Jene Zeit aber, deren Zahl sie an sich trägt, bekennt sich als ihre Schöpferin und schämt sich ihrer nicht. Soweit es ihr möglich ist, birgt sie sich in ihrem Geschöpf und schaut aus allen seinen Zügen in die kommenden Zeiten hinein. So ist es auch mit der Angabe des Ortes. Es Hegt darin ein geheimes Wissen um die Kraft des Ortes, um eine Gewalt, die von dem Orte ausgeht und in alle Dinge eingeht, die sich zu dem Orte bekennen. Wir wissen gar nicht, wie uns selber sein würde, wenn wir räum- und zeitlos geschaffen wären, und ich wenigstens weiß nicht, was ein anderer tun und sagen würde, wenn er plötzlich über Zeit und Raum erhoben, wenn er plötzlich ein Brief ohne Datum würde. Ich selber hielte es wohl nur bis zum Sonntagmorgen aus, denn in der Woche erträgt man manches. Am Sonntagmorgen aber ginge ich zum Herrgott und bäte ihn bei seiner Güte: „Laß mich heute wieder einmal an einem Orte sein, laß heute für mich Sonntag sein!44 An all dies dachte wohl mein Vater nicht, wenn er einen Brief an seine Schwester Agnes anfangen sollte. Und doch war es für ihn eine Wohltat, wenn er an den oberen Rand der ersten Briefseite das Datum sehreiben konnte. Es war ihm, als ob er im Meere zerfließender Dinge endlieh etwas Festes fände, eine Insel, auf der er stehen, einen Block, auf den er den Hebel legen konnte. Wenn wirklich der alte Technikus gesagt hat: „Gib mir, wo ich stehen kann, und ich will den Erdball aus den Angeln heben", so hat er etwas erbeten, was meinem Vater bei der Niederschrift des Datums gewährt wurde. Ohne zu wissen warum, hatte er eine ganz eigenartige Freude daran und schrieb diese Buchstaben und Zahlen besonders 6chön und ausdrucksvoll. Mir wenigstens cring es bis heute so. Es wird aber o © o mit solchen Dingen immer gleich anders, wenn man sieh ihrer bewußt wird. Nun weiß ich freilich, daß das Datum den meisten heutigen Briefschreibern keineswegs von derselben Notwendigkeit ist, wie es meinem Vater war, bei dem es wirklich eine Not gewendet hat. Mit unglaublicher Leichtfertigkeit schreiben sie das Datum hin. Sie haben weder im Bewußtsein, noch im Unterbewußtsein etwas anderes als dies, daß der Brief 283

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