Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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die Wirtschaft war in sechs Felder geteilt und hatte im Westen eine große saure Wiese und im Osten eine kleine süße. Mehr als ein Dutzend Nachbarn lebten ringsumher, wiederum mit vielen Kindern, Tieren, Feldern und Wiesen. Und im Dorfe waren auch zahlreiche Häuser und Menschen, von denen meine Tante viel wissen wollte. Ja wenn der Vater dies alles hätte in sein Notizbuch schreiben können! Aber ein Brief ist ein ganz anderes Werk, eine Kunst, hoch über allen anderen Künsten, die mein Vater konnte; eine Arbeit wie aus einer anderen Welt, wie in einer anderen Welt. Da mußten erst all die Dinge, von denen zu schreiben war, emporgehoben werden in diese andere Welt. Und sogleich, wenn sie emporgehoben waren, verloren sie ihre Schwere und ihre Gewalt. Wie Vögel flatterten sie um den Briefschreiber und wollten sich erst wieder einfangen und in Worten gestalten lassen. Alles zerflatterte und zerfloß, und es war eine große Bangigkeit. Wie an einem weiten, wogenden Meere war mein Vater, wenn er einen Brief anfangen sollte. Und er schrieb doch so schöne Briefe! Es ging ihm, wie es mir ergeht, wenn ich einen Aufsatz schreiben soll. Für einen solchen Briefschreiber ist es eine große Wohltat, daß er auf den oberen Rand der ersten Briefseite Ort und Zeit, das „Datum", angeben muß. Es ist mir früher einmal gesagt worden, das sei nur die Schule des preußischen Beamtendrills. Der Schüler der preußischen Volksschule- und wo wäre heute nicht Preußen! - müsse über jedes Aufsätzlein und über jedes Diktätlein das Datum schreiben, damit kein Schriftstück in Preußen sei. das nicht zu den Akten geheftet werden könnte. Es liegt aber vielleicht doch etwas Tieferes vor. Als ich einmal bei der sicherlich schlechten Note „Nicht befriedigend" die Unterschrift des Lehrers las und daneben das Datum: 5. 5. 1897, dachte ich mir wohl auch zuerst, das sei eben eine rein amtliche Formalität und habe sonst gar nichts weiter zu sagen. Bis mich meine Mitschüler wegen der schlechten Zensur verspotteten und einer von ihnen, mein prahlerischer Vetter, sagte: „Es fehlt dir eben ein bissei da oben; du wirst nie etwas Ordentliches leisten!44 Da rief ich der Gesellschaft zu: „Diese Zensur gilt nur für den 5. Mai 1897. Hier steht es. Und außerdem steht hier, daß sie nur den Lehrer Soundso nicht befriedigt. Morgen, am 6. Mai, gilt sie vielleicht gar nicht mehr; da ist meine Arbeit vielleicht sehr gut.44 Irgend etwas an diesem Einfall muß Wahrheit sein. Mit dem Datum ist die Niederschrift an eine be- 282