Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSEPH WITTIG IM ANFANG Wenn mein Vater einen Brief an seine in Breslau lebende Schwester Agnes schreiben wollte, kamen ihm immer zuerst die Worte ein: „Es ist endlich an der Zeit, daß ich die Feder ergreife, um einige Zeilen an Dich zu schreiben." Es war dies ein großes Werk für ihn. Nicht, weil ihm das Schreiben schwer gefallen wäre; er hatte eine leichte und gefällige Handschrift, und seine Notizbücher bewiesen, daß er immer in Übung geblieben war. Er nannte sich zwar nur Zimmermann, aber die Fabrik, in der er arbeitete, hatte keinen eigentlichen Werkführer, darum war er so gut wie Werkführer in der Fabrik. Eine Dampfmaschine mit mächtigem Schwungrad gebärdete sich wie ein toller Riese im Maschinenhause der Fabrik. Keiner der anderen Arbeiter verstand sie. Mein Vater mußte immer wieder von der Hobelbank zur Maschine. Wenn ihr vor lauter Unrast der Riemen von der Scheibe gefallen war, mußte er ihn wieder auflegen. Wenn sich ein Rad im Kampfe mit den anderen die Zähne ausgebissen hatte, mußte er neue Zähne aus Holz modellieren, damit sie in der auswärtigen Eisengießerei nachgebildet und dann neu eingesetzt werden könnten. Die Maschine biß ihm von drei Fingern der rechten Hand die Koppen weg; er blieb ihr getreu, und in manchen Familienurkunden aus dieser Zeit heißt er nicht mehr Zimmermann, sondern Maschinenwärter. Ein Teil der Fabrik wurde noch mit Wasser betrieben. Ich weiß zwar nur noch von dem langen Zuleitungsgraben vom Walditzbach her, sehe aber den Vater immer wieder als den einzigen von den vielen Fabrikleuten, der mit diesem starken Wasser zu schaffen hatte. I nd als der Fabrikherr an seiner „Villa" einen großen Garten anlegte, darin einen Spiel- und Turnplatz für seine Kinder, da hämmerte mein Vater am Zaun, da errichtete mein Vater den hohen Mast, um den sich an Seil und Ring die Herrenkinder schwingen wollten. Da wurde immer wieder gemessen und immer wieder das Notizbüchlein aus der Tasche genommen. Seite für Seite füllte sich mit Niederschriften und Bleistiftskizzen. I nd niemals stand der Vater verlegen da, als ob er etwa nicht wüßte, was er schreiben oder wie er anfangen sollte. Wenn er aber einen Brief schreiben wollte, dann war es ganz anders. Wohl gab es immer viel zu schreiben, denn es waren sieben Kinder in der Familie und zwei Stück Vieh im Stall, mitunter auch ein Kälblein; 281