Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Drang, ist die Kraft der Frage, die Manneseinfalt stärker als im Mittelmaß der Bildung. In dieser ist an die Stelle männlichen Suchens nach Klarheit eine spielerische Beschäftigung mit Bildungsgütern aller Art getreten: die „allgemeine Bildung", das zerfahrene Erbe des großen Geistesmenschen der universalen Schau. Dort, wo der Luxus „auf Kosten des Notwendigen gesucht wird, wo die Seele noch Mangel an den notdürftigsten Wahrheiten leidet und sich dennoch mit einem ohnmächtigen Schwünge zur Tafel der höchsten Weisheit erheben will", dort ist schweifende „Üppigkeit des Geistes an die Stelle der strengen Frage nach dem, was not tut, getreten" (Moser). „Sie lernen nicht das Notwendige, weil sie Uberflüssiges gelernt haben" (Seneca). Unsere Zeitbildung hat, wieder einmal, mit der Kraft der Frage Wozu die Gabe des Augenmaßes verloren für die Unterscheidung des Nötigen und Unnötigen, des Wichtigen und Unwichtigen. Einfachheit, Manneseinfalt fragt nach dem Notwendigen. Das Notwendige aber ist das Nahe. „So wie (Wahrheit) dir in deinen nähesten Angelegenheiten sicherer Leitstern, so wie sie Stütze ist, auf der dein Leben ruht, so ist sie dir Segen" (3, 314). Unsere Bildung scheut die Nähe, die Niederung des Alltags. Ihr Stolz ist, als Fata morgana eines vom Erdboden gelösten „Reiches der Bildung" hoch über dem Leben zu schweben. Sie leitet ihre Jünger an, nicht etwa dieses Reich täglich neu herabzuziehen in das Hier und Heute des Alltags, sondern diesem Hier und Heute zu entfliehen und in die reine Region der Geistigkeit sich zu erheben. „Seht ihr's, Menschen, fühlt ihr's nicht, Söhne der Erde, wie eure obern Stände in ihrer Bildung ihre innern Kräfte verlieren? Siehst du's nicht, Menschheit, wie ihre Abweichung von der weisen Ordnung der Natur leeren und öden Unsegen unter sie und von ihnen hinab ins Volk bringt? Fühlst du's nicht, Erde, wie die Menschengeschlechter von dem reinen Segen ihrer häuslichen Verhältnisse abweichen und allenthalben sich auf wilde, schimmernde Schaubühnen hindrängen, um ihr Wissen zu spiegeln und ihren Ehrgeiz zu kitzeln? In ferne Weiten wallet die irrende Menschheit" (3, 320). Einfachheit, Manneseinfalt fragt nach dem Sinn der Dinge im nahen Leben. Auch der Sinn der Bildung kann nur im nahen Leben liegen. Er erfüllt sich nur dort, wo Gedanke und Wirklichkeit nicht zwei Welten übereinander, sondern eine einzige, ungeschiedene Welt bilden, wo sie, Geist und Leib, einander durchdringen. 274