Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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einer ganzen Bildungsschicht zur Verzerrung werden mußte. Aus dem Universalen wurde das möglichst Viele. Die Kraft des Universalen war Einheit, Ordnung in Ganzheit, die Schwäche des möglichst Vielen ist Vielerleiheit, Unordnung in Zerfahrenheit. Wir wissen alle sattsam um die Zerfahrenheit des Menschen der „allgemeinen Bildung**. Dieser Mensch weiß viel, nur eines weiß er nicht: wozu er das Viele weiß. Er weiß es allenfalls, um sagen zu können, daß er es wisse. Aber sein Wissen ist ihm nicht Weisung, nicht Lehre, und darum nicht Glück, nicht Ruhe. „Zeitalter, . . . dein Wissen beruhigt das Volk nicht"* (6, 185). „Warum forschet der Mensch Wahrheit ohne Ordnung und Endzwecke?** (3, 313). „Man muß alles nur wissen um des Tuns willen** (4, 90). Wohlmeinende Menschenfreunde mühen sich redlich, die Bildung der Zeit dem Manne des Volkes zu bringen. Vergeblich meist, der einfache Mensch will diese Bildung nicht. Seine Einfachheit, sein rationales Bedürfnis nach Sinn und Zweck läßt ihn allem Neuen gegenüber die schlichte Frage stellen: Wozu? Und die Bildung der Zeit hat ihm auf diese Frage kaum eine andere Antwort geben können als höchstens die, die keine Antwort war: damit auch du gebildet werdest. Die Frage Wozu, diese Frage der großen Vereinfachung, hat in anderen Zeiten Menschenbildung zu machtvoller Einheit und Sinnhaftigkeit zusammengefaßt. „Was der Mensch ist, was er bedarf, was ihn erhebt und was ihn erniedrigt, was ihn stärkt und was ihn entkräftet, das ist Bedürfnis der Hirten der Völker und Bedürfnis der Menschen in den niedersten Hütten** (3, 313). Die Frage Wozu, ernsthaft aufgerichtet von den Führenden der Zeit, würde wie Märzsturm durch unsere Bildung fahren: ein großes Zerbrechen, D großes Lichten, bis der Durchblick sich auftäte und die großen Linien frei würden, bis Bildung wieder wäre, was ihr Sinn ist: Lehre in Einfalt, Lebenslehre. Die Frage Wozu ist die Frage der Manneseinfalt. Es ist das Weibische unseres Bildungstreibens, daß es zu diesem männlichen, reinigenden Wozu die Kraft nicht findet. Das Weibische, nicht das Weibliche! Wahre Menschenbildung braucht das Weibliche wie das Männliche, braucht die Ursprungskraft der Frau, ähnlich wie die des Kindes und des Volkes und wie die des Genies. Unser Bildungstreiben aber ist weibisch, weil es den männlichen Drang nach Klarheit, nach der rationalen Kraft der Ordnung und Einheit nicht mehr fühlt. Im handarbeitenden Menschen ist heute - wie in den Tagen des Sokrates - dieser 273