Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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hieße nicht Tiefe, sondern Trübheit. „Laß mich deinen Weg wissen, damit ich dich kenne." Pestalozzis Menschenbildung ist bis in die Einzelheiten hinein durchdrungen von dem Gedanken der Ordnung in Klarheit. ..Der Mensch fand, daß beide Gesetze dieser Welten im Grunde ein und dasselbe Gesetz seien, weil sie beide nichts anderes als Ordnung und Harmonie gebieten** (9, 160). Das Leben des Menschen hängt daran, daß „die Fundamente der inneren Ordnung seiner selbst . . . sorgfältig berücksichtigt" werden (5, 178). „Innere Ordnung, Quelle der unverwirrten Anwendung unserer Kräfte" (3, 320). Ordnung aber gründet sich in der strengen Einheit eines Ordnungsprinzips: in der durchgreifenden Vereinfachung, die ein solches Prinzip bedeutet. So kann man Manneseinfalt auch bezeichnen als die durchsichtige Einfachheit des sittüchen Bewußtseins. .AVenn dein Auge einfach ist, so wird dein ganzer Leib licht sein." I nter Einfachheit verstehen wir zumeist heute nicht eben dasselbe wie unter Einfalt, sondern Einfalt nur im Sinne jener Klarheit und Ordnung, wie sie an der Manneseinfalt uns deutlieh wurde. So ist das Einfache das Einleuchtende, das auf den ersten Blick Durchsichtige. In seiner Durchsichtigkeit gewährt das Einfache einen weiten und einen umfassenden Blick. ..Einfachheit und Umfassungskraft" des Geistes gehören aufs engste zusammen (9, 64, 217). Einfachheit läßt die großen Ordnungslinien sehen zwischen der verwirrenden Menge der Dinge und Verhältnisse. Sie verleiht dem Auge die sichere Ruhe des Weitblickes und des Überblickes. Das Leben Hegt vor dem Menschen, um ihn in großen, klar geschauten Zügen. Groß und klar hebt sich auch die Linie des eigenen Weges aus nur scheinbarem Wirrsal heraus. Wohl weiß er um die immer neu aufsteigende Vielfältigc keit und Verschlungenheit des Lebens, aber sein Blick verirrt sieh nicht in ihr, er beantwortet ihr immer neues Aufsteigen nur mit immer neuer Erhöhung des Standortes, von dem er sie überschaut. Mit dem, was an seinem eignen Weg und Wesen verworren ist, liebäugelt er nicht; er tut sich nichts zu gut darauf, daß auch er „ein Mensch ist mit seinem Widerspruch". Ihn reizt nicht, ihn beschämt der Widerspruch. Es zieht ihn zur Einhelligkeit, zur Einfachheit. Er weiß und fühlt es, daß in des Lebens letzter Tiefe große und einfache Normen gebieten, und ihn verlangt nach diesen Normen, nach ihrer Einfachheit. Er weiß und fühlt es, wie ..das 271