Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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einen Augenblick, daß sie dem Kinde in den Fluß nachspringen müssen. Aber die Herkunft dieser schnellen Gewißheit ist seelisch eine verschiedene. Sie entspringt, wie wir vorher sahen, in der Kindeseinfalt der einfachen, unreflektierten Reaktion des ganzen Wesens, der Unmittelbarkeit; in der Manneseinfalt, wie wir jetzt neu beachten, der blitzesartigen Erleuchtung des sittlichen Bewußtseins, der sittlichen Klarheit. Dort die Einfalt der Unmittelbarkeit, hier die der Klarheit; die Tat hervorgehend dort aus dem Gefühl, hier aus der Bewußtheit, dort aus irrationalem, hier aus rationalem Grunde. So können Kindeseinfalt und Manneseinfalt zusammentreffen im Ergebnis, und mehr noch, in der Selbstverständlichkeit des Ergebnisses; sie können ineinanderfließen, und doch: in ihrem seelischen Ursprung sind sie geschieden. Kindeseinfalt handelt, weil sie nicht anders kann, weil sie muß; Manneseinfalt, weil sie will. Kindeseinfalt ist Religion, Manneseinfalt Ethos. Sie ist Ethos auch dort, wo sie bei ihrem Gang auf „Gottes Wege" sieht, sie hat dann eben Gottes Willen bewußt in ihren Willen aufgenommen. Kindeseinfalt erwies sich uns gerade in ihrer reinsten Form als eigne Willenlosigkeit. Aber wir bedenken hier nun doch noch einmal die tiefe Berührung. Sie lag uns in der Majestät des Selbstverständlichen, mochte es der Menschenseele auch auf verschiedene Weise sich bemächtigen, hier auf rationalem, dort auf irrationalem Wege. Hinter diesem Unterschied der seelischen Weise liegt ja doch in letzter Tiefe eine Einheit. Wo läge auch sonst der Grund für das Zusammentreffen in der Äußerung und im Ergebnis? Wir ö D sahen bereits früher, wie jene Unmittelbarkeit des Selbstverständlichen bei der Kindeseinfalt in einer Tiefe gründet, die wir nicht mehr bloße Seelentiefe, die wir Wesenstiefe nennen müssen. Es war dort, wo wir die Einhelligkeit der Seelenkräfte uns deuteten aus verborgener göttlicher Schöpfungsordnung. Gottesordnung ordnet das Kräftespiel der träumenden Kindesseele, der Menschenseele, in der das Kind fortwirkt, zu verborgener Einheit. Ordnung aber, alle Ordnung ist rational, auch die göttliche auf dem Grunde der Kindesseele. Wie, wenn es nichts anderes wäre als diese verborgene, diese gottesrationale Ordnung auf dem Grunde der Kindeseinfalt, die in der Klarheit des geordneten Manneswillens, der Manneseinfalt, im Menschengeiste sich spiegelte? Die Ordnung im hellen sittlichen Bewußtsein der Manneseinfalt der Abglanz einer dem Menschenauge verborgenen Gottesordnung, wie sie Mann und Weib und Kind, 269