Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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ist es, und in seiner Einfalt ruht das Wunder seiner Stärke. Aber was wir bei ihm Einfalt nennen, ist deutlich etwas anderes, als was wir so nennen im Kinde. Seine Einfalt ist nicht Geborgenheit, nicht letzte Willenlosigkeit in Gott, sondern schlichter, gerader und klarer Manneswille. Der da vor Volk und König tritt, der weiß, was er will: „Suchet das Gute und nicht das Böse, auf daß ihr leben möget!" Hier steht ein Mann, nicht ein Kind. Er ist kein faustischer Mensch des grenzenlosen Vorwärts, er ist ein Einfältiger, und doch spricht Manneswille aus ihm nicht minder wie aus jenem. Sein Mannes wille bricht nicht aus bloßem unendlichem Drang, er ruht fest gefügt und stark auf dem Grunde der Kraft, zu unterscheiden zwischen Gut und Böse, der sittlichen Klarheit und des sittlichen Ernstes. Hier ist auch Einfalt, aber es ist eine andere als die, deren wir bisher gedachten. Nicht eine ihr feindliche, aber eine ihr doch irgendwie entgegengesetzte, irgendwie umgekehrte: nicht Kindeseinfalt, sondern Manneseinfalt. Konnten wir dort mit Pestalozzi von .•Einfalt und Unschuld" reden, so können wir's hier mit demselben von ..Einfalt und Geradheit" (3, 317. 7,405; hebräisch dort TG, hier T^). Zwischen Einfalt und Einfalt ist der Unterschied wie zwischen dem schlummernden Kinde und dem wachen Manne. Die Manneseinfalt, wie sie uns an der Gestalt des Propheten aufgeht, ist Eindeutigkeit und Sicherheit des sittlichen Willens. Sie teilt mit dem faustischen Manneswillen das Willenhafte, Vorwärtsweisende, aber sie ruht dabei auf dem festen Grunde der klaren Eindeutigkeit und unmittelbaren Gewißheit des Zieles. Manneseinfalt ist Manneswille, aber ein solcher, der nicht nur will, sondern vor dem in Klarheit gebreitet hegt, was er will. Diese Klarheit, diese Selbstverständlichkeit, diese eindeutige Ordnung ist eben dieses Manneswillens Einfalt, ist die Geradheit und Einfachheit seines Weges. Es ist die Einfalt jener „Treu und Redlichkeit", vor der „Gottes Wege" klar und eindeutig daliegen; die Einfalt, die „nicht abwägt und nicht ausmißt, aber . . . sich schnell zu jeder Pflicht erleuchten und zu jeder Tugend emporheben läßt" (6, 167). In eben dieser Eindeutigkeit und Sicherheit der Manneseinfalt aber liegt nun zugleich eine tiefe Berührung mit der Kindeseinfalt, eine Berührung so tief, daß in der Sprache beider Sinn zuweilen ineinanderfließen will. Beide finden sich zusammen in der Selbstverständlichkeit, in jener schnellen Gewißheit : Es ist ja so einfach. Beide zweifeln nicht 268