Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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so nicht in den Tagen der Renaissance und wieder in denen der universalen Bildung? Ja, er wollte ihn, aber wir sahen ja, daß dieser Schöpfungsversuch, aufs Ganze gesehen, mißlang. Der faustische Mensch im Sinne solcher Allseitigkeit ist im Ganzen auch der führenden Menschenschicht nur in einer Verzerrung zur Welt gekommen. Was dem Titanensohn gelang, nicht im Ganzen seiner Schöpfung, aber doch so weit, daß es für Jahrhunderte eine Kultur prägen konnte, war allein der faustische Mensch im Sinne der Intensität, der einseitigen Steigerung der Kraft. Das Fausttum dieser Steigerung aber erkannten wir ja gerade als tiefsten Grund jener Zerreißung und Zereinzelung menschlichen Wesens, die der Einfalt Todfeind ist. Es ist nicht der allumfassende, der universale, es ist der zwar nach unbegrenzten Fernen, aber in enger Bahn vorwärtsdrängende Faust, der unserm Zeitalter gebietet. Als universaler Geist stand er am Gott-bezogenen Pol des Lebens, als nur auf einer Linie ins Grenzenlose vorwärtsdrängender gehört er dem Gegenpol an, dem Menschbezogenen, Ich-bezogenen. Ihm ist Kindeseinfalt das Urfremde. Sie muß es schon deshalb sein, weil er, in seinem grenzenlosen Drange, niemals ruhen kann in seinem Ursprung, in Schöpfungsnähe, weil sein Wesen ja das Nicht-ruhen ist, das Sich-entferiien vom Ursprung, das Immer-weitermüssen über jede Gegenwart, jede Nähe hinaus. Gebannt vom Ziel, kennt er nur die Bewegung in der Geraden, vor ihm der Tag und hinter ihm die Nacht, - auch der Ursprung hinter ihm, auch der Ursprung Nacht. Es gibt keinen größeren Gegensatz als jene Kindeseinfalt und dieses Maimeswollen. Aber ist Manneswollen darum böse? Bleibt es nicht doch groß? Ja, es bleibt groß; wir fühlen es, daß es groß bleibt. Aber ist es dann nicht zum verzweifeln, in solche Wahl sich gestellt zu sehen? Bringen wir's über uns, auf das Eine zu verzichten, um nur nach dem Andern zu greifen? Nach welchem greifen wir, welches lassen wir blutenden Herzens? Oder sollte es am Ende doch eine Versöhnung geben, die mehr wäre als müder Ausgleich? Wir fragen nicht, ob sie denkbar ist, wir entwerfen sie nicht in unsern Gedanken; wir fragen, ob es sie gibt in der Wirklichkeit, in Menschen dieser Erde. Es gibt sie. Nur eine gibt es. Sie ist dort, wo das Ziel, das den Menschen ruheloser Bewegung bannt, - die Einfalt selbst ist, die verlorene und neu 266