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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 3 · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 3
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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die Sache, der es zu dienen berufen ist. In Jakob Burckhardts „Kultur der Renaissance in Italien46 steht ein berühmter Abschnitt vom Erwachen der Persönlichkeit. Das Ich steht groß an den Anfängen des neuen Europas. Wir reden im übrigen hier nicht von der umfassenden Bedeutung dieser Tatsache. Nur auf das Eine achten wir, wie mit dem Erwachen der Persönlichkeit doch auch ein Stück wahrhaft erhabener Sachlichkeit zu versinken beginnt: die Namenlosigkeit des kulturschaff enden Menschengeistes. Gehen wir heute nicht mit um so tieferer Ehrfurcht durch die Straßen der mittelalterlichen Stadt, je weniger wir wissen von den Namen derer, die ihre Denkmale schufen? Hat es nicht für den Modernen etwas Bewegendes, zu sehen, wie oft in alter Zeit die Urheber weltgeschichtlicher Schriftwerke ihren Namen verbargen hinter dem Namen eines noch Älteren? Liegt nicht Größe in der Namenlosigkeit so mancher alten Foliantenreihe, die noch heute den Stolz unserer Bibliotheken bildet? Es ist die Ich-freie, die lautere Sachlichkeit, die in solcher Namenlosigkeit sich offenbart. Einfalt will ihr Werk tun, nicht ihren Namen hören. Ihr Werk ist Gottesdienst in Lauterkeit. Daß am Eingang zur Kultur des neuen Europas das Ich steht, unterscheidet sie ganz stark von der Zeit, die vorausging und die bis heute nicht ganz versinken konnte, aber vor dem Neuen zur Seite treten mußte. Wer eine Kulturgeschichte der neuen Zeit von Grund aus schreiben wollte, müßte mit einer Abwandlung des Fürwortes Ich beginnen und sie durchführen bis dorthin, wo das Ich - Sich im Spiegel der Mitwelt und Nachwelt beschaut. Was einst Geltung vor Gott war, ist heute Geltung vor Menschen: stärkste Triebfeder des Kulturschaffens. Man darf hier, soweit moderne Kultur ihren tiefsten Drang entfalten konnte, von einer völligen Umkehrung des Standortes sprechen. Und jeder Schritt auf dem Wege dieses Wandels bedeutet neue Entfernung von der Einfalt, die in Lauterkeit und reiner Sachlichkeit steht. Einst machte, so erzählt es Wilhelm Schäfer, der Waisenvater von Stanz mit seinen Kindern eine Tageswanderung nach Luzern. Dort sind eben die Kinder vor dem Rathaus gastlich beschenkt worden. „Sie singen ein Schweizerlied zum Dank, und Heinrich Pestalozzi, dem nichts so fern liegt wie Musik, kräht mit vor Rührung, - gar nicht merkend, wie falsch er die Töne nimmt, bis alles hinter ihm lacht." Wie kam es, daß Pestalozzi so oft lächerlich wirken, so oft die äußere Haltung verlieren konnte? 264

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