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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 3 · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 3
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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lieh Wahrheit vor Trug, Treue vor Lust, Opfer vor Eigennutz und Demut vor Hochmut gehe, dann ist die Problematik nicht des Höhertreibens, sondern der Auflösung über uns gekommen. Es ist das Vornehme der Einfalt, ihr alter Adel, daß sie Erbgut kennt, ewiges, allem Fragen entrücktes Erbgut der Seele; daß sie sprechen kann: „Das Wahre war schon längst gefunden, hat edle Geisterschaft verbunden; das alte Wahre, faß es an!" Der diese Worte schrieb, den lehrte Einfalt vor letzten Normen des Lebens in Ehrfurcht verstummen, mit der Selbstverständlichkeit und Sicherheit des Kindes sich beugen. Einfalt findet auf die Frage nach diesen Normen die Antw7ort „beim ersten einfachen, bloß herzlichen Anblick des Gegenstandes" (5, 477). Einfalt braucht nicht zu verkennen, daß es im Leben das Verschlungene gibt, aber sie wehrt ihm den Zutritt in die Bezirke der Seele, durch die doch niemals der bloße \ erstand, durch die nur das Herz zu führen vermag. Sie läßt sich nicht ihr „Herz verkünsteln" (5, 188). „Eure Mütter lehrten euch tun, und euer Herz sagt euch, was recht ist, aber wragt euch nicht an Menschen, die reden . . . Euer einfaches Rechttun ist doch ewige Gottesweisheit" (6, 69). Unserer Zeitbildung ist die Einfalt in ihrer Unmittelbarkeit fremd, nicht deshalb, weil in ihr der Ernst der Wahrheit besonders stark wäre, sondern weil sie tief versunken ist in die Unkraft der Instinktlosigkeit, der Herzensschwäche. Ihre beste Hoffnung liegt in der Kraft der Sehnsucht, mit der eine frische und ernste Jugend über solche Unkraft hinausdrängt, neuer Unmittelbarkeit, neuer Einfalt entgegen. In der Einfalt als Unmittelbarkeit der Lebensäußerung sahen wir noch einen besonderen Sinn sich bergen. ir erkannten sie zugleich als jene Lauterkeit und Sachlichkeit, die dem Ich wehrt, sich selbst trübend mit einzudrängen in die Reinheit des Motivs. Es ist noch nicht lange her, da stand unsere Bildung, vielleicht nicht stärker als heute, aber ausgesprochener, unter dem Zeichen der „Persönlichkeitskultur". Wir rütteln nicht an der fundamentalen Wahrheit auf dem letzten Grunde dieser Zeitlosung: Personwert geht vor Dingwert. ir durften ja eben erst diese Wahrheit in den Kreis der Grundworte einreihen, die wie schützender Ringwall die Einfalt umgeben. Aber Pflege der Persönlichkeit ist immer versucht, einen Schritt weiter zu gehen und die Person nicht nur über das Ding, sondern auch über die Sache zu stellen, nicht nur das Du über das Ding zu erheben, sondern auch das Ich über

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