Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Einfalt ihm verloren ging. Es ist diese Art Aufklärung, der unsere Zeit wieder einmal absagen möchte, wenn sie nach den tieferen Tönen der Kunst, der Religion, des Volkstums ruft. Wonach sie verlangt, ist im Grunde nichts anderes als die Einfalt, die In-eins-Gefaltetheit aller Kräfte des Menschenwesens, wie in schlichter Weise das Kind und das Volk, in erhöhter der Geistesmensch sie offenbart. Wir wurden bereits darauf aufmerksam, wie unter den tieferen Tönen des Akkords menschlicher Einheit und Ganzheit dem der Du- \ erblindenheit besondere Beachtung gebührt. Wir dürfen von ihr noch mehr sagen, dürfen - auch hier mit Pestalozzi - die Führung der Stimmen ihr übertragen. „Das innere Entfaltungsmittel dieser Gemeinkraft unserer .Natur ist die Liebe" (12, 375). Einheit des Wesens erfordert nämlich Einhelligkeit, Ordnung der Kräfte. Ordnung aber ist nicht ohne Rangordnung, diese nicht ohne einen obersten Rang. Im Einklang der Kräfte Vielheit menschlichen Wesens aber gebührt der Königsrang der Liebe. NX eiche andere Kraft sollte auch in Freiheit zu einen vermögen, wenn Liebe es nicht täte? Liebe ist nicht eine Kraft neben andern, sie ist der »tarke Reif um alle Kräfte, das „Band der Vollkommenheit". Erst sie vollendet die Einfalt als Einheit in der Vielheit. Unsere Kultur verleugnet auch darin die Einfalt, daß sie aus dem Gefüge der sie tragenden Kräfte die Liebe grundsätzlich glaubt ausschalten zu können. In Wirklichkeit hat sie es zwar nicht vermocht, im Leben waltet die Erb- und Schöpfungskraft der Du-V erbundenheit weiter und trägt den Bau der Kultur als starkes, wenn auch nicht unerschüttertes Fundament der Mitte. Aber die Kultur selbst sieht das nicht, sie meint zu ruhen und hinlänglich sicher zu ruhen auf dem Teilfundameut des Gedankens allein. So verrät sie es Tag um Tag in ihrem Richten zwischen den widerstreitenden Werten des Menschenlebens. Allenthalben stellt sie die Dingiverte der Wirtschaft, der Technik, der \\ issenschait vor die Personiverte der Du-Verbundenheit. Eine vielleicht noch tiefere Not unserer Kultur als jene Einseitigkeit der Zerteilung und Verengung der Kräfte bildet so die grundsätzliche Ausschaltung oder doch Geringschätzung der zur Führung bestimmten, der Königskraft der Liebe. Es müßte, wo er zur vollen Wirklichkeit werden, wo Zeitkultur über ewige Natur siegen könnte, die Zerstörung der Einfalt von Grund aus bedeuten. Das war das Kulturrevolutionäre in der Erscheinung eines Pestalozzi,