Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Ganzheit des Menschenwesens, in seiner „Totalität". Es ging um die Universalität - nicht des Wissens, sondern des Wesens. Aber die universale Bildung wandelte von Grund aus ihren Sinn, als man bald sich anschickte, von den Großen des Geistes sie als Forderung auf das Ganze des Volkes oder doch seiner Führerschicht zu übertragen. Sie mußte ihr Bestes, ihre mystische Tiefe, die erhabene „Einfalt" ihrer Wesensganzheit bei diesem Unterfangen notwendig einbüßen. Bald bedeutete Totalität nicht mehr Ganzheit, das heißt Einheit des menschlichen Wesens, sondern Ganzheit, das heißt Lückenlosigkeit des menschlichen Wissens. So mündete universale Bildung in ihrer mechanischen Ausbreitung über die Nation genau dort ein, wo die Krankheit lag, der sie hatte begegnen sollen: bei jenem Schwinden der Einfalt unter dem Druck des Einseitigkeitsverderbens. Als Bildung im wesentlichen der Kraft nur des Wissens brachte sie zu den alten Einseitigkeiten nur noch eine neue hinzu, jene Einseitigkeit bloßer oder weit überwiegender „Kopfbildung66, aus der Pestalozzi das Elend des Zeitalters sich erheben sah. Aus der Universalität des Wesens war die Allgemeinheit des Wissens geworden, aus dem Ringen um Ganzheit nur eine neue Sonderung, neue Verengung der Kraft hervorgegangen, die um so verderblicher werden mußte, als sie mit dem Scheine der Ganzheit trügerisch sich verband. So lastet nun auf der Einseitigkeitsnot unserer Gesamtkultur noch einmal die besondere Not einer Menschenbildung im wesentlichen aus der Teilkraft des Wissens allein. Menschenbildung ist zu einer Provinz der Wissenschaft geworden, während Wissenschaft eine Provinz der Menschenbildung sein sollte. „Die Einmischung der Welt . . . bildet die Unschuld des Menschen nicht übereinstimmend mit dem hohen heiligen Wesen seiner Natur; sie bildet ihn nicht in seiner Einheit dastehend als ein Ganzes, ... sie bildet ihn nicht elementarisch66 (10, 228). Sie dient nicht - der Einfalt. Auf dem Wege zu solcher Art Menschenbildung mußte die „Aufklärung", die am Anfang des Weges stand, die ihr ursprünglich eigne Totalität und Tiefe verlieren. Aufklärung bedeutet uns heute ein Anschlagen nur noch der höheren, helleren Töne im Akkord der Menschennatur, oft so sehr nur der höchsten und hellsten, daß die Fülle des Tones zur Schrille wird. So hat der Name der Aufklärung das eigentümlich Flächige angenommen, das wir heute mit ihm zu verbinden gewohnt sind* Ihm fehlen die Töne der Tiefe, weil die Ganzheit und Einheit des Geläutes, weil die 260