Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die besondere Größe der modernen Kultur, die niemand leugnen wird, liegt in der ihr eignen Intensivierung der Kraft. Intensivierung aber ruht auf Zerlegung, auf Sonderung der Einzelkräfte durch den denkenden Geist. Auf Sonderung beruht so auch die eigentümliche Größe der modernen Kultur. Wir können nicht anders, als die unsere Willkür sichtlich überragende Wirklichkeit dieser Sonderung bejahen, könnend so auch nur bejahen, wenn in der Zeit, in der wir stehen, die menschliche „Gemeinkraft66 in ihrer Auswirkung noch immer weiter zersondert wird. Aber mit aller notwendigen Bescheidung solchen Ja-sagens stoßen wir zuletzt doch an eine Grenze, gegen deren Überschreitung etwas in uns sich sträubt. Wir können uns nicht hineinfinden in eine Zerlegung, die nicht nur die Lebensgebiete, nicht nur die Auswirkung menschlicher Kraft, sondern darüber hinaus das Menschenivesen selbst ergreift. Diese Grenze aber hat unsere Kultur überschritten. Sie hat sich längst an den Gedanken gewöhnt, daß der Mensch bestimmt sei, Rad in der Maschine zu sein; nicht lebendiges Glied, sondern totes Rad, kleine und kleinste Teilfunktion nicht nur im Werk, sondern auch im Wesen. Wir berühren hier kurz das Offenkundige, nur um es dem Zusammenhang unserer Betrachtung einzufügen. In dem Menschen, der so in seinem Wesen zur Funktion und zur Teilkraft verengt wird, wird die Einfalt als Einheit der Kräfte aufgehoben. Tausend Menschen werden zu tausend Einzelkräften, tausend schrillen Einzelstimmen dort, wo der Schöpfer tausend Harmonien stiftete, jede einzelne von eigner Art. Wo die Akkorde des Glockenläutens über die Erde schwangen, knarren tausend Räder, schrillen tausend Pfeifen: jede einzelne ein Signal verlorener Ganzheit in Fülle, verlorener Einfalt in Einheit. Es war in dem Jahrhundert, das wir mit einem leicht irreführenden Namen das Jahrhundert der Aufklärung nennen, als die Besten der Nation bereits tief zu leiden begannen unter dem anhebenden „Einseitigkeitsverderben" menschlicher Bildung und neu verlangend ausschauten wieder nach der Fülle ihrer Kraft. Man suchte, was Spätere „universale Bildung" nannten. Sie wurde die Religion der Geistigen. Und sie war Religion in ihrem Ursprung, Erbe tiefer .Mystik. Wie diese den Menschen zu einen trachtete in der gesammelten Fülle seines Wesens, um ihn Gott schauen zu lehren, so war die Frage nach universaler Bildung in ihrem Ursprung die Frage nach dem Erlebnis Gottes in der