Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Namen das Genie zu nennen pflegt. Wohl besteht zwischen seiner Einfalt und der naiven Einfalt jener ein grundtiefer Unterschied. Ihre Einfalt beruht in einer steten Wiederholung der Wahrheit des Menschen, der Natur - sofern ihr Kern noch diese Wahrheit ist; die seine in einer Erweiterung dieser Natur, einer Weiterführung ursprünglicher Schöpfung im Dienste des Schöpfers, einer Eroberung menschheitlichen Neulandes. Die schlichte Einfalt jener läßt nur die Erbmasse des Geschlechts von seinem Anfang an immer wieder durch das eigne Wesen schwingen, während die Einfalt des großen Geistesmenschen daneben aus letzter Quelle, letzter Nähe zum Urgrund des Seins das Neue, nie Dagewesene ans Licht des Tages dringen läßt. Aber die Geisteseinfalt ist der naiven Einfalt des Kindes und des Volkes geeint in jener Einheit, die das Leben ergreift mit der ganzen Skala, ganzen Tiefe des eignen Wesens, und in jener Unmittelbarkeit, in der es die Wahrheit nicht errechnet, sondern „fühlt in unverschrobener, kindlicher Seele64 (Gruner von Pestalozzi). Die tiefinnerliche Zusammengehörigkeit der Einfalt des Großen mit der des Kleinen zeigt sich darin, wie beide sich suchen, eine die andere. Wir denken an Pestalozzi, aber auch an einen Goethe. Wir denken an Sokrates, den es nicht in die Philosophenschulen zog, sondern auf den Markt. Wir denken an Jesus, der die Kinder herzt und der seinem Vater im Himmel dankt: „Daß Du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen offenbart.44 2. Kindeseinfalt und Zeitbildung Der Geistesmensch der Einfalt und der schlicht einfältige Mensch des Volkes bilden die Höhe und die Niederung der Menschheit. Zwischen beide hat sich in unserer Kultur eine dritte Menschenschicht eingeschoben, die geistige Trägerin dieser Kultur, die Schicht der „Gebildeten". Wir fragen hier nicht nach der geistesgeschichtlichen Herkunft dieser Schicht. Sie soll uns nur soweit beschäftigen, als sie in ihrer Art den Sinn der Einfalt uns deutlicher zu machen vermag, sei es auch nur dadurch, daß sie unter einer bestimmten Beleuchtung deren Gegenbild uns erkennen läßt. So beginnen wir, im unmittelbaren Anschluß an unsern bisherigen Gedankengang, mit der Frage: Was bedeutet der Kultur unserer Zeit Einfalt als die Kraft der Einheit des Menschenwesens in sich selbst? 258