Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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horcht. Sie ist nicht eine ethische* sondern eine religiöse« die religiöse Grundkategorie. Einfalt zieht uns zum Kinde. Sie liegt nicht nur im Kinde, aber sie liegt, beschirmt durch Naivität, in ihm am reinsten, unberührtesten. Darum dürfen wir alle Einfalt, soweit sie uns bisher beschäftigte, als Kindeseinfalt bezeichnen, auch dort, wo wir sie im Manne sehen. Und darum ist das Kind dem Mündigen täglich neue Offenbarung. Die Ehrfurcht selbst des verhärteten Mannes vor dem „unschuldigen Kindlein** erscheint uns wie der letzte, unzerstörbare Rest von Frömmigkeit, der ihm auch im Stande tiefsten Verderbens noch geblieben ist. Der anscheinend vollendet gottlose Krieger des indischen Märchens weint doch vor dem schuldlosen Kinde, vor diesem der Menschheit belassenen letzten Paradiesesrest. Im Grunde seines Wesens bricht ein Erinnern, eine Anamnesis auf, die mehr sein muß als nur Erinnern eigner Kindheit. Das unschuldige Kind ist als Offenbarung reiner, ursprünglicher Schöpfung Gottesoffenbarung. Unschuld aber ist nur ein anderer >ame der Einfalt, der Kindeseinfalt. Sie ist die durch die Sündflut der Menschheitsgeschichte hindurchgerettete, die gebliebene Einfalt. „Daher beruht aller Menschensegen auf diesem Sinne der Einfalt und Unschuld** (3, 317). So sucht und ehrt der Mensch höherer Bildung die Einfalt im einfachen Volke. Wir brauchen dabei nicht zu vergessen, daß der Mensch der Natur nicht das unschuldige Kind ist, für das man ihn hielt. Und wir wollen hier nicht lange fragen, ob nicht doch verdorbene Kultur dem Menschen zu noch tieferem Unheil gereiche als verdorbene Natur aliein. Selb>t wenn es nicht so wäre, selbst wenn es nur wirklichkeitsfernes Träumen wäre, das den Bildungsmenschen immer wieder in die arkadischen und die kanadischen Gefilde treibt: hegt nicht schon in solchem Träumen etwas von jenem Erinnern der gefallenen Menschheit? Ist es nicht wieder ein Rest von Frömmigkeit, der ihn in jene Gefdde führt? W as ihn zu seinen Hirten und Landleuten treibt, ist ein tiefes, ob auch unbewußtes Sehnen nach jener „Einfalt und Unschuld** erster Schöpfung, erster Gottesoffenbarung. Es ist, sagt Pestalozzi vom Pfarrer, „die Einfalt des armen Volkes, die das Glück seines Standes ausmacht** (6, 184). Neben dem Kinde aber und neben dem einfachen Volke steht der große C5 Geistesmensch der Einfalt, den man mit einem nicht immer zureichenden