Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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weltunwissende, aber niemals eine böse Einfalt. Naivität dagegen kann jede Art weltunwissender Unmittelbarkeit meinen, gute wie böse. Es gibt auch eine naive Selbstsucht und eine naive Zudringlichkeit. Der naive Mensch ist der Mensch der Nativität, der Natur. Aber der Naturmensch ist nicht ohne weiteres, wie der Einfältige, der schöpfungsnahe Mensch. So meinte es Rousseau. Pestalozzi scheidet sich hier scharf von dem Meister seiner Jugendjahre, wenn er bereits den Naturmenschen verdorben sieht, dem Kulturverderb einen Naturverderb vorausgehen läßt, da der Mensch dahinlebt „im tierischen Verderben seiner Naturverwilderung'4 (7, 433). In reiner Einfalt stand der Mensch nur im kurzen Zeitpunkt seiner Schöpfung. Auch von hier aus stellt sich uns der naive Mensch nicht als der Mensch der Einfalt dar. Wir reden von edler Einfalt, aber nicht von edler Naivität. In jener Einfalt, deren zwiefachen Sinn wir uns deutlich zu machen suchten, in solcher Einheit des Wesens und Unmittelbarkeit der Wesensäußerung, ruht die Wahrheit des Menschen. Nicht des Menschen nur, wie er sein soll, sondern des Menschen, wie er aus der Hand des Schöpfers hervorging. So kann man sagen, Einfalt sei die Verfassung des Menschen, der in seiner Kreatürlichkeit steht. Damit wird Einfalt, soweit dieses Stehen dem Menschen bewußt wird, zur religiösen Grundkategorie. Ihr letztes Wesen ist unverminderte Nähe zum Ursprung alles Seins, zu Gott. So ist in der Bibel der Einfältige ohne w eiteres der Gottnahe. „Der Herr behütet die Einfältigen.'4 Alle rechte Stellung zu Gott faßt sich zusammen in „heiliger Einfalt64. In der letzten Tiefe dieses Wortes schwingt immer ein Ton mit, der es irgendwie auf Gott bezogen sein läßt. Es ist der Gedanke der Wahrheit des Menschen in seiner Ursprünglichkeit, seiner Kreatürlichkeit. Der Einfältige steht in seiner Einfalt immer irgendwie nicht nur in sich, nicht nur vor dem Mitmenschen, sondern auch vor dem Angesicht Gottes. Ähnlich wie der „Arme44, dem er verwandt ist, in seiner Armut immer auch vor Gott steht. Beide sind immer in besonderem Maße Befohlene Gottes. In der Einfalt wie in der Armut will der Mensch, soweit er bewußt in ihnen steht, selbst nichts, will er etwas sein nur in Gott. Beide bedeuten in ihrer letzten Folge das Versinken des Geschöpfes vor dem Schöpfer, der Willenlosigkeit vor dem Allgewaltigen. Einfalt baut keine Pläne und führt keine Entwürfe auf, sie vertraut und ge- 256