Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsicherheit, kein Zweifel, keine Berechnung schiebt sich ein und hindert das unmittelbare Heraustreten der Antwort auf den Anruf des Lebens, Sie tritt heraus, wie sie sich formte, notwendig, leicht. Einfalt als Unmittelbarkeit ist dort, wo alles so von selbst, so aus der ganzen Lage, „so einfach" sich ergibt, wo die Reflexion noch fern ist in ihrer Zwiespältigkeit und ihrer Vielspältigkeit. Bestand die Einfalt als Einheit in der Zusammenfassung trennender Vielheit (von Kräften), so besteht sie nun, als Unmittelbarkeit, im Fehlen hemmender Vielheit (von Gedanken), Es ist eine andere Art Einfalt als dort und doch dieselbe, denn sie ist die Weise, in der jene sich äußert. Sie offenbarte sich bei jenem Dorfkinde in der Unbefangenheit des Benehmens, mit der es das Eintreten des Gastes beantwortete, in der durch keinerlei Reflexion gebrochenen Unmittelbarkeit der inneren und äußeren Haltung. In Einfalt tun wir so ohne Zaudern das Selbstverständliche. Ein Kind ist in den Fluß gefallen. Wir überlegen nicht, wir springen nach. Wir tun es nicht gedankenlos, der blitzesschnelle Entschluß springt aus dem Gedanken, aber der Gedanke arbeitet gleichsam von selbst, ohne auf unser Geheiß zu warten. Er hat den Entschluß aus sich heraus getrieben, ohne daß wir es bemerkten, nicht wir, - es hat gedacht, es hat gewollt, wir folgten nur so schnell, als es dachte, es wollte. Der Gedanke, der Entschluß vollzieht sich unterhalb des Tagesbewußtseins, in einer Tiefe, die wir nicht sehen. Er springt dort hervor aus Einheit, und er wird sichtbar in Unmittelbarkeit. Hier liegt die tiefe Wahrheit dessen, was ein allzu biologisch geprägter Sprachgebrauch „Instinktsicherheit" genannt hat. Es ist die Gesundheit schöpfungsnaher Unmittelbarkeit. Sie ist uns nicht höchster Menschenwert, aber sie ist uns die kreatürliche Grundlage höchsten Menschenwertes. Dabei denken wir daran, daß der Tag der Schöpfung ja das Werden einschließt. Schöpfung ist uns darum auch das Weitergeben des Erbes von den Vätern an die Söhne, Schöpfungsgut auch Erbgut. Die Einfalt der Unmittelbarkeit ruht auf solcher Schöpfung, die im Erbe sich vollendet, im „Wohltun bis ins tausendste Glied". In Einfalt als Unmittelbarkeit aber birgt sich noch ein besonderer Sinn unseres Wortes. Wir fanden die Unmittelbarkeit dort, wo die Lebensäußerung erstmalig sich formte, wo sie als Gedanke das Licht des Tages erblickte. Als Unmittelbarkeit bezeichneten wir dort die Notwendigkeit und Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit des Heraustretens aus der 254