Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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was Einfalt ist und wie sie zerstört wird. Die Einfalt lag darin, daß das Landkind den Eintritt des dein Hause bekannten Mannes nicht rein dienstlieh, nicht mit einer vereinzelten Teilfunktion, sondern mit der Einheit seines ganzen menschlichen Wesens beantwortete. L nd sie lag in der damit verbundenen Unmittelbarkeit und Natürlichkeit des Verhaltens. Die Zerstörung der Einfalt aber, deren Recht oder Unrecht im vorliegenden Falle uns hier nicht weiter zu beschäftigen braucht, lag darin, daß man ihm diese Einheit und Unmittelbarkeit der Haltung als unschicklich verbot. Man brachte ihm zum Bewußtsein, daß es beim Verwalten seines Pförtneramtes nicht als ganzes und volles Menschenkind dastehe, wie daheim bei Vater und Mutter, sondern nur als V erseherin eines Einzelauftrags, und daß es deshalb den Eintritt des Gastes nicht mit seinem ganzen menschlichen Wesen, nicht mit „Kopf und Herz und Hand" beantworten dürfe, sondern nur mit dem Teil seines Wesens, den das Pförtneramt forderte. Man zerstörte die Einheit seiner Haltung. Und man zerstörte zugleich ihre Unmittelbarkeit, indem man es an seinem Benehmen künsteln lehrte, bis an die Stelle der Natürlichkeit die Verlegenheit und die linkische Verbeugung trat. Wir versuchen, hiernach dem Sinn der Einfalt in einer allgemeineren Überlegung näherzukommen. Einheit des Menschenwesens und Unmittelbarkeit seines Heraustretens ruhen in ihrem letzten Grunde dort, wo der Mensch aus der Hand des Schöpfers hervorging. Lnd sie sind im Menschen noch soweit vorhanden, als er diesem seinem L rsprung nahe geblieben, als er „ursprünglich" geblieben ist. Einheit und L nmittelbarkeit bilden jene Urwahrheit des Menschen, die in bewahrter, wenn auch unbewußter Gottesnähe gründet. ,,Gott ist die näheste Beziehung der Menschheit" (3, 320). „Erkennet diesen mächtigen Sinn der Einfalt * (6, 167). Die Einheit der Menschennatur ist ihre Ganzheit. Der Mensch i^t von seinem Ursprung her nicht ein geteiltes, nicht ein zusammengesetztes, sondern ein ganzes Wesen, ganz in allen Seiten, allen Kräften, Anlagen und Regungen seiner Natur. Die Natur des Menschen gleicht einem Geläute aus drei, nein aus zehn und zwölf und mehr Glocken, die, alle urn- und übereinander schwebend und miteinander verbunden, von einer Hand in Bewegung gesetzt werden. Es ist ihr Zusammenklingen, ist der volle, reiche Akkord aller ihrer Stimmen, \on der höchsten bis zur tief- 2:>L