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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 3 · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 3
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Gang des Lebens, wie er ist, aus dem Menschengeschlecht macht46 (7, 386), Eben dies aber, daß das Wort von der Einfalt, das wir in der Mitte dieser Frage sehen, nicht einerlei Sinn hat, droht dabei ständig uns zu verwirren. So wollen wir hier nach dem Sinne der Einfalt fragen. Wir wollen unsere Frage dort, wo sie an letzte Tiefen rührt, auch an ihn richten, der zu ihr unter den Neueren wohl das Tiefste gesagt hat, Heinrich Pestalozzi. Wir tun es hier nicht um des Mannes, sondern allein um unserer Frage willen. Nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart zu begreifen ist unser Ziel. So wollen wir uns hier auch von Pestalozzi nicht führen, wohl aber dankbar ermutigen lassen, Schritt für Schritt zu gehen auch auf ungewohntem Wege*). 1. Kindeseinfalt Das Einfältige steht nahe beim Einfachen. An einer unscheinbaren Begebenheit aus dem einfachen Leben soll darum der Sinn der Einfalt vorläufig sich uns erschließen. Ich machte in der Stadt einen Besuch. Das Hausmädchen, ein wohl eben erst schulentlassenes Landkind, öffnete mir. Es kannte mich nicht, empfing mich aber mit herzlicher und unverhohlener Freude darüber, daß Besuch kam, so wie das Kind über jeden Besuch sich freut. Die Natürlichkeit und Kindlichkeit der Begrüßung gefiel mir so, daß ich nicht umhin konnte, in der mir wohlbekannten Familie meine Freude darüber zu äußern. Nach nicht langer Zeit betrat ich das Haus wieder. Dasselbe Mädchen öffnete. Aber es war wie verwandelt. Es empfing mich mit einer linkischen Verbeugung, auf dem Gesicht statt lachender Freundlichkeit steife Feierlichkeit. Unbeholfen korrekt führte es mich in die Stube. Oh, hätte ich das vorige Mal nichts gesagt! Ein drittes Mal erinnere ich mich nicht, das Mädchen gesehen zu haben. Aber man wird annehmen dürfen, daß es etwa nach einem Jahr mit vollendeter Sicherheit. Sachlichkeit und Unpersönlichkeit seines Pförtneramtes zu walten wußte. Das anscheinend bedeutungslose Erlebnis kann uns vorläufig zeigen, *) Worte in Anführungszeichen sind im allgemeinen den Schriften Pestalozzis entnommen. Die Klammer dabei bezeichnet Band und Seitenzahl nach der zweiten Seyifarthschen Ausgabe (Liegnitz 1899-1902). Bei andern Anführungen ist, wo es sich nicht um allgemein Bekanntes handelt, der Urheber zugesetzt. Zur Frage im allgemeinen noch: Schiller, Über naive und sentimentalische Dichtung. Aus dem Leben: (Charlotte Dunckcr - anonym), Gedanken und Erfahrungen über Ev.iges und Alltägliches. Hrsg. v. Otto Nasemanu, Band 1, Hälfte 2. 2. Aufl. Halle 1880. Zur Frage der Aufklärung: Friedrich Delekct, Pestalozzi. Leipzig 1926. 250

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