Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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GEORG KOCH EINFALT Wir beginnen heute wieder einmal deutlicher die Polarität des Lebens zu sehen. Sie offenbart sich uns dort, wo wir einem Wort ein anderes, entgegengesetztes und doch gleich notwendiges zuordnen müssen. Umfassendes Denken kann nicht anders, als neben der Freiheit die Gebundenheit, neben dem Fortschritt das Beharren, neben der Gemeinschaft den Einzelnen zu nennen und zu behaupten, Wort gegen Wort zu stellen. Zum Wort gehört das Gegenwort, zwischen beiden, im Widerspruch beider steht das Leben. Daß das Gegenwort stets ein anderes sein müsse als das VI ort, scheint uns selbstverständlich. Und doch gibt es ein Wort, das kann wohl andere Worte, es kann aber auch sich selbst zum Gegenwort haben, kann sich selbst polar gegenüberstehen, zwischen sich und sich den Widerspruch des Lebens befassen. Es kann das natürlich nur so, daß es im Übergang von Pol zu Pol seinen Sinn wandelt. Aber das Erstaunliche ist, daß mit dem Wandel des Sinnes nicht das Wort sich wandelt, daß zwar zweierlei Sinn, aber einerlei Wort sich gegenübertritt. Gerade als wollte die Polarität des Lebens das Wunder der Einheit des Entgegengesetzten auch dem blöden Auge erweisen. Das Wort heißt „Einfalt". Wir wollen im folgenden uns deutlich zu machen suchen, wie in ihm alle Kraft des Willens und alle Kraft der Stille, höchste Spannung und tiefste Versunkenheit, Mannesemst und Kindeslachen sich gegenübertreten, wie in ihm ein Reich der Seele sich erhebt wider das andere. Und wir werden sehen, wie die sich begegnenden 7 CT CT Reiche schließlich zum unlösbaren Bunde sich einen, einen müssen, weil in letzter Tiefe ein Blut sie bindet, wie sie ja von einem letzten Ursprung einen Namen tragen. Nicht ein müßiges Spiel des Gedankens soll uns diese Betrachtung sein. Sie selbst wird, so hoffen wir, es uns ahnen lassen, wie auf dem Grunde unserer Frage Heil und Unheil ruht, nicht für den oder jenen nur, sondern für die Völker, die Menschheit. Es ist im Grunde die uralte Menschheitsfrage, vor der sich Pestalozzi fand, als er das tiefste seiner Bücher begann: ,,Was bin ich? Und was ist das Menschengeschlecht? Was hab ich getan? Und was tut das Menschengeschlecht? Ich will wissen, was der Gang meines Lebens, wie es war, aus mir gemacht hat. Ich will wissen, was der 219