Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 124)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber während ich auf der Comburg Geschichte hörte, ging mir langsam die Wirklichkeit der Geschichte in der Gegenwart auf. Das Schicksal, gebunden zu sein in den geschichtlichen Verlauf, ganz gleich, ob man ihn nun erkennen will oder nicht. Über eine rein beschreibende Geschichtsdarstellung, aber auch über eine rein entwicklungsgeschichtliche Auffassung hinaus wurde hier versucht, die Gegenwart ganz und gar in Geschichte aufzulösen und aufzuteilen. Daß Rosenstock sein Geschichtsbild des zweiten nachchristlichen Jahrtausends als Geschichte der Revolutionen gab, ist dabei die entscheidende gedankliche Leistung. Das intensive Hören und Mitdenken dieses Geschichtsbildes der europäischen Revolutionen, die ein Volk nach dem anderen seinen europäischen Auftrag erfüllen und es zugleich damit zu seiner Eigenart kommen ließ, zeigte mir zum erstenmal mit voller Deutlichkeit einen geschiehtliehen Maßstab, der einzelnational und zugleich gesamteuropäisch es erlaubt, die in der Gegenwart wirksamen Ereignisse zu sondern in solche von geschichtlicher Bedeutung und solche von privater Bedeutung. Nur ein solcher kann ja Menschen, denen es auf irkung in der Gegenwart ankommt, die sich also ohne fachliche Absicht mit Geschichte beschäftigen, davon überzeugen, daß geschichtliche Einsicht für ihr praktisches Handeln möglicherweise zu primärer Bedeutung aufsteigen kann. Eine Durcharbeitung der geschichtlichen Quellen in diesem neuen Sinn erscheint damit als verlockende Aufgabe von aktuellster Wichtigkeit, zumal ja erst, wenn diese Arbeit geschehen ist, die Möglichkeit besteht, einen umfangreichen und gegenwartsfördernden Geschichtsunterricht in den Schulen durchzuführen. Die pädagogisch interessierten Teilnehmer der Akademie konnten die Unmöglichkeit der vollständig maßstablosen Handhabung des gegenwärtigen Geschichtsunterrichts einsehen lernen. Und die wirtschaftspolitisch interessierten Teilnehmer konnten dementsprechend die ebenso maßstablose Handhabung der verschiedenen geschichtlichen Mäntelchen, die man um Unternehmungen wirtschaftspolitischer Art herumzuhängen pflegt, einsehen lernen. Nicht ein einzigesmal geriet in Vergessenheit, daß es sich bei diesem Geschichtsbild lediglich um eine Projektion der historischen Tatsachen auf die Ebene der Gegenwart handelte. Während man also sonst in die geschichtliche Tiefe hinabsteigt — und sich dort meist führerlos verliert -, wurde hier versucht, Geschichte in die Gegenwartsebene hinaufzuziehen, um sich auf der modernen Landkarte, oder vielmehr Zeitkarte gewissermaßen zu orientieren. Überall leuchteten so die geschichtlichen Grundtatsachen von unten her durch. Das heute in Wirklichkeit und in der Wirkung Zusammenhängende wurde dadurch als von Grund aus zusammengehörig gezeigt. Das alles geschah so einleuchtend, daß jeder Einzelne, der hier in vertieftem Sinn zuhörte, langsam all die hier geschilderten geschichtlichen Rückstände in sich selbst entdecken konnte. Jeder Einzelne konnte in sich die Teilstücke und Restbestände der verschiedenen Jahrhunderte des Jahrtausends, in das wir hineingeboren sind, entdecken: er konnte das Stück christlich-päpstlicher Grundrevolution, dann englischer, dann deutscher, dann französischer und schließlich russischer Revolution in sich aufdecken und das mehr oder weniger greße Gewicht davon in sich abwägen. Jeder konnte in der verschiedensten Dosierung die verschiedenen nationalen Aufträge der Völker Europas aus seiner eigenen Grundeinstellung zu Leben und Beruf sich erklären. Er konnte sich 246