Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 123)
- Language
- German
- Belongs to
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FRITZ KLATT GESCHICHTLICHE BEGRÜNDUNG DER GEGENWART Gedanken zu der ersten Akademie der deutschen Schule für Volksforschung und Menschenbildung auf der Comburg (im März und April 1927). Die erste Akademie der deutschen Schule auf der Comburg brachte versuchsweise die Verwirklichung eines Gedankens, der seit Jahren für viele der Teilnehmer im Zentrum ihrer Wünsche lag. Ist es doch das Nötigste, daß erwachsene Menschen, die mitten im Beruf und Leben stehen, von Zeit zu Zeit sich wieder einmal hörend und aufnehmend verhalten, damit sie dann desto klarer und in der Richtung sicherer ihre Arbeit weitertun und ihr Leben weiterleben. Die gedankliche Zusammenarbeit solcher Akademie - die erste Comburger Zusammenkunft war in der Tat ein vielversprechender Versuch einer solchen - muß in den Stoffgebieten so verschieden zusammengesetzt sein, daß die in verschiedener Lebensarbeit stehenden Menschen ihr Weltbild jeweils nach der für sie bedeutsamen Richtung ergänzen können. Wirksam werden kann für die Einzelnen auf der Akademie immer gerade nur das, was sie selbst noch nicht gedacht oder zu Ende gedacht haben, also der Teil des Gedankenreichs, zu dem sie allein nicht gekommen sind. Auf der Comburger Akademie war für Ingenieure und Männer des Wirtschaftslebens ebenso wie für Pädagogen die Möglichkeit einer solchen großzügigen Ergänzung ihres Weltbildes wenigstens ansatzweise gegeben. Soweit dieser erste Versuch schon als gelungen anzusehen ist, war es vor allem das Durchhalten einer weitgespannten Verbindungsabsicht von fernliegenden und entgegengesetzten Interessengebieten. Es gelang —und das ist das eigentlich positive Ergebnis der Akademie-, an der Sachlichkeit, auch da, wo es „neue Sachlichkeit44 war, vorbeizukommen, hindurchzukommen, nicht darin stecken zu bleiben, sondern die große Linie zu wahren. Für jeden einzelnen Teilnehmer war die Möglichkeit eines Ertrages der Akademie gegeben als Einblick in eine gedankliche Sicht, die ihm bisher fremd oder nur lückenhaft zugänglich war. Für mich selbst wie wohl auch für manchen anderen war die Geschichtsvorlesung von Rosenstock das wahrhaft akademische Erlebnis und Ergebnis dieser Akademie. Ich versuche, dies Ergebnis hier in seiner Wirkung zu schildern, ohne auch nur den Versuch zu machen, es aus seiner subjektiven Lage zu verschieben. Wenn man im Studentenalter Geschichte betreibt, so ist das Ergebnis des Studiums entweder schlechthin Abhängigkeit von der Geschichte oder Ablehnung derselben. Das ist als Eintauchen in die geschichtliche Tiefe und als ein Wiederauftauchen daraus zu beschreiben. Die Berufsarbeit der Gegenwart, das Eingespanntsein in ganz bestimmte und geregelte Aufgaben läßt dann aber jahrelang jede geschichtliche Überlegung zurückstellen. Man weiß wohl: man kann auch alles geschichtlich begründen. Aber muß man es auch? Dies wenigstens war die Frage, die mich davon abhielt, es zu tun. Es ist zu zeitraubend. Es lähmt vielleicht gar die Aktivität. So denkt man. Also lieber nicht daran denken, sondern einfach freiweg seine Arbeit tun. Es sei auch in diesem Zusammenhang verwiesen auf die gewaltige geschichtsforschende Arbeit von Kurt Breysig, insbesondere auf seinen soeben in neuer Auflage erschienenen „Stufenbau der Weltgeschichte**. 245