Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 122)
- Language
- German
- Belongs to
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ohne die Renaissance selbst erlebt zu haben, ohne große Erinnerungen an vergangenen schöpferischen Überfluß zu besitzen. Die ganze große russische Literatur war ihrem Geiste nach nicht renaissancehaft; nicht Kräfteüberschuß sondern innere Gebrochenheit, Kranksein des Geistes, qualvolles Suchen nach Rettung vor dem Untergang macht sich in ihr bemerkbar. Nur in Puschkin war etwas Renaissancemäßiges, aber sein Geist siegte nicht in der russischen Literatur. Jetzt erleben wir den renaissancefeindlichen Futurismus, ohne das Schöpfertum der Renaissance erlebt zu haben; wir erleben den renaissancefeindlichen Sozialismus und Anarchismus, ohne das freie Aufblühen des nationalen Staates erlebt zu haben; wir erleben renaissancefeindliche philosophische und theosophische Strömungen, ohne den Renaissancerausch der Erkenntnis erlebt zu haben. Es war uns nicht gegeben, die Freude der freien Humanität zu erleben. Hierin hegt eine Eigenheit des bitteren russischen Schicksals. Aber bei uns muß die Sehnsucht nach geistiger Vertiefung und das Suchen nach den göttlichen Grundlagen des Menschen und des menschlichen Schöpfertums in Erscheinung treten. Ist bei uns die religiöse Sanktion des Schöpfertums möglich, welche die russische Religiosität niemals gegeben hat? Hiermit hängt die Mögüchkeit der geistigen Wiedergeburt Rußlands zusammen. Vielleicht sind wir Russen nur an einer christlichen Renaissance teilzunehmen imstande? Dazu müssen wir aber erst durch eine große Buße und Reinigung hindurchgehen, wir müssen den Aberglauben und Götzendienst des verlogenen und in Zersetzung begriffenen Humanismus im Feuer vernichten im Namen der christlichen Idee des Menschen. 244