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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 120

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 120)
Language
German
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kann kein Einwand gegen seine Wahrheit und Gerechtigkeit sein. Christus versprach ja nicht die Verwirklichung seines Reiches auf Erden. Er sagte, daß Sein Reich nicht von dieser Welt sei, Er prophezeite, daß der Glaube und die Liebe schließlich verarmen würden. Die Ungerechtigkeit der christlichen Menschheit ist menschliche Ungerechtigkeit, menschlicher Verrat und Sturz, menschliche Schwäche und Sündigkeit, nicht aber Ungerechtigkeit des Christentums, nicht Ungerechtigkeit Gottes. Die ganze berechtigte Empörung über den Katholizismus durfte gegen die katholische Menschheit, nicht aber gegen die wahren Heiligtümer der katholischen Kirche gerichtet werden. Aber der Mensch entstellte anfangs das Christentum, er verstümmelte es durch sein mehrfaches Fallen, um sich dann endgültig gegen es zu empören und ihm untreu zu werden, indem er die christliche Wahrheit selbst für seine eigenen Sünden und sein Fallen verantwortlich machte. Das schöpferische geistige Leben ist nicht nur Gottes Werk sondern auch Menschenwerk. Dem Menschen ist große Freiheit gewährt, und diese ist eine große Prüfung der Macht seines Geistes. Gott selbst erwartet sozusagen vom Menschen sein schöpferisches Handeln und sein schöpferisches Opfer. Statt aber sein schöpferisches Idealbild Gott zuzuwenden und Gott den freien Uberschuß seiner Kräfte hinzugeben, verausgabte und vernichtete der Mensch seine schöpferischen Kräfte in der Selbstbejahung, im Kreisen an der Peripherie des Seins. Hierin liegt viel Trauriges. Es hat den Anschein, als zersetze sich und sterbe die Schönheit, als sei das freie Spiel der menschlichen Kräfte unmöglich und als sei bereits das Ende der freien menschlichen Individualität eingetreten. Doch wäre es kleinmütig und kleingläubig, sich der Trauer hinzugeben. Die Fähigkeiten der menschlichen Natur zur Wiedergeburt sind unendlich. Aber an die geistige Wiedergeburt des Menschen und des menschlichen Schöpfertums glauben kann man heute nur durch Vertiefung des Christentums, durch endgültige Offenbarung des Idealbildes Christi im Menschen, durch Treue gegen die christliche Offenbarung der menschlichen Persönlichkeit. Im Christentum war die Anthropologie noch nicht endgültig offenbar, die Offenbarung vom Menschen war noch nicht beendet. Hierin besteht der Sinn des von der neueren humanistischen Geschichte gestellten Themas vom Menschen. Aber das moderne Europa ist in seinem Verrat an der christlichen Offenbarung der menschlichen Persönlichkeit sehr weit gegangen und hat diese der Zerfleischung durch

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