Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 119)
- Language
- German
- Belongs to
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ist es auch heute: viele von uns können sich als die letzten und treuen Vertreter der alten, christlichen, europäischen Kultur fühlen, der große, sowohl äußere als auch innere Gefahren drohen. Durch diese Epoche einer möglichen neuen, wenn auch zivilisierten Barbarisierung muß man das nie verlöschende Licht hindurchtragen, wie es einstmals von der christlichen Kirche hindurchgetragen wurde. Nur im Christentum wird das Idealbild des Menschen endgültig offenbart und aufbewahrt. Das Christentum hat den Menschen von den Naturdämonen, die ihn in der heidnischen Welt plagten, von der Dämonolatrie befreit. Nur die christliche Erlösung ermöglichte es dem Menschen, sich aufzurichten und sich geistig auf die Füße zu stellen; sie riß den Menschen aus den Tiefen der elementaren ^atur heraus, in die der Mensch hinabgesunken und von der er versklavt war. Die antike Welt bereitete die Form des Menschen vor; in ihm erwachte die schöpferische Energie des Menschen, aber die menschliche Persönlichkeit war noch nicht aus der Macht der Naturgewalten befreit, der geistige Mensch war noch nicht geboren. Die zweite, nicht natürliche sondern geistige Geburt des Menschen fand im Christentum statt. Und der Humanismus empfing seine wahre Humanität vom Christentum, er konnte sie nicht nur bei der Antike finden. Aber der Humanismus riß den Menschen in seiner Entwicklung von ihren göttlichen Grundlagen los. Und als nun der Humanismus den Menschen endgültig von der Gottheit losgerissen hatte, wandte er sich auch gegen den Menschen und begann das Idealbild des Menschen zu zerstören, denn der Mensch ist das Ebenbild Gottes. Als der Mensch nur noch das Ebenbild der Natur, nur natürlicher Mensch sein wollte, ordnete er sich den niedersten Elementargewalten unter und verlor sein Idealbild. Der Mensch wird von neuem von den Dämonen geplagt und er ist ohnmächtig, standzuhalten und sich zu wehren. Das geistige Zentrum der menschlichen Persönlichkeit ist abhanden gekommen. In dieser Umkehr des Humanismus gegen den Menschen liegt die Tragödie der neueren Geschichte. Dies ist der Grund des verhängnisvollen Mißerfolges der Renaissance und der Unvermeidlichkeit ihres Endes. Die Menschen unsrerZeit behaupten gern, daß auch das Christentum mißlungen sei, daß es seine Hoffnungen nicht verwirklicht habe, und damit begründen sie die Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit der Rückkehr zu ihm. Aber der Umstand, daß die europäische Menschheit das Christentum nicht verwirklicht hat, daß es dieses entstellte und ihm untreu wurde, 241