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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 117

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 117)
Language
German
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Formen in den göttlichen Grundlagen des Lebens. Aber sowohl in dem einen als auch in dem anderen Fall nimmt die historische Renaissance ein Ende und erfolgt eine Rückkehr zu den mittelalterlichen Grundsätzen, bald zu den dunklen Prinzipien des Mittelalters, bald zu seinen lichten Prinzipien. Im Humanismus wurde am Heiligtum Verrat geübt und diesen Verrat muß der Mensch in seiner Geschichte sühnen, er muß eine Enttäuschung nach der anderen erleben. Gegenwärtig beginnt der Prozeß der Barbarisierung der europäischen Kultur. Nach der verfeinerten Dekadenz muß auf den Höhen der europäischen Kultur ein Einfall der Barbarei stattfinden.In dieser Hinsicht wird der Weltkrieg von verhängnisvoller Bedeutung für das Schicksal Europas gewesen sein. Das kulturelle, humanistische Europa hat sich selbst entblößt und ist wehrlos geworden gegen den Einfall der äußeren und inneren Barbarei. Die dumpfen Geräusche des unterirdischen Barbarentums waren schon lange zu vernehmen. Aber die im Verfall begriffene europäische bürgerliche Gesellschaft hat nichts zur Rettung der alten und ewigen Heiligtümer Europas unternommen, - sie lebte sorglos dahin und rechnete auf endloses Wohlergehen. Die Abenddämmerung Europas beginnt. Die europäischen Gesellschaften treten in die Periode des Alters und der Altersschwäche ein. Es kann ein neues Völker-Chaos anbrechen. Eine Feudalisierung Europas liegt im Bereich der Möglichkeit. In der Geschichte der Menschheit gibt es keinen Fortschritt in grader aufsteigender Linie, an den die Menschen des 19. Jahrhunderts so sehr glaubten, daß sie aus diesem Glauben eine Religion machten. In der Geschichte der Gesellschaften und Kulturen lassen sich organische Prozesse beobachten, in denen es Perioden der Jugend, der Reife und des Alters gibt, in denen es eine Blütezeit und einen Verfall gibt. Gegenwärtig erleben wir nicht so sehr den Anfang von etwas Neuem als das Ende von etwas Altern. Unsere Epoche erinnert an das Ende der antiken Welt, an den Sturz des römischen Reichs, an die Erschöpfung und das Versiegen der griechisch-römischen Kultur, - der ewigen Quelle jeglicher menschlichen Kultur. Die gegenwärtigen Kunstströmungen erinnern an den Verlust der vollkommenen antiken Formen und an die Barbarisierung jener Epoche. Die sozialen und politischen Prozesse unserer Zeit erinnern an jene Prozesse, die in der Epoche des Kaisers Diokletian vor sich gingen, an die Prozesse der Versklavung des Menschen. Das religiös-philosophische und mystische Suchen unserer 239

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