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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 115

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 115)
Language
German
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in ihm ist boshafte und rachsüchtige Feindschaft gegen jeglichen schöpferischen Uberfluß, Der Anarchismus würde gern alles vernichten, was von der Renaissance geschaffen wurde. Er enthält die Rache für die Lüge des Humanismus. Wenn die Sehnsucht nach Gleichheit sich der menschlichen Gemeinschaften bemächtigt, so nimmt jegliche Renaissance, jeglicher schöpferischer Uberfluß ein Ende. Das Pathos der Gleichheit ist das Pathos des Neides auf das fremde Sein, auf das Anderssein, es ist die Unmöglichkeit, in sich selbst das Sein zu festigen. Die Leidenschaft zur Gleichheit ist die Leidenschaft zum Nichtsein. Die moderne Gesellschaft ist beherrscht von einer Leidenschaft, die das Schwergewicht des Lebens aus der schöpferischen Betätigung des Seins in sich selbst in die neidische Verneinung des Seins im anderen verlegt. Eine Gesellschaft dieser Art kann nur eine greisenhafte sein. ★ ★ ★ Die Renaissance begann mit der Bejahung der schöpferischen menschlichen Individualität. Sie endete mit der Verneinung der schöpferischen menschlichen Individualität. Der Mensch ohne Gott hört auf ein Mensch zu sein, - darin besteht der religiöse Sinn der inneren Dialektik der neueren Geschichte, der Geschichte des Aufblühens und des Untergangs der humanistischen Illusionen. Der in sich selbst vereinsamte und innerlich verheerte Mensch wird zum Sklaven nicht höherer, übermenschlicher, sondern der niedersten nichtmenschlichen Elementargewalten. Der menschliche Geist verfinstert sich und irgendwelche nichtmenschliche Geister bemächtigen sich seiner. Die Entstehung der Religion des Humanismus, der endgültigen Vergöttlichung des Menschen ist ja der Anfang von Ende des Humanismus, ist eine Selbstverneinung, das Versiegen seiner schöpferischen Kräfte. Das Aufblühen der Humanität war nur so lange möglich, als der Mensch noch in sich, in seiner Tiefe höhere Prinzipien als er selbst fühlte und sich ihrer bewußt war und solange er sich nicht endgültig von den göttlichen Grundlagen losgerissen hatte. In der Renaissance- Epoche hatte der Mensch noch dieses Gefühl und dieses Bewußtsein, noch war nicht der endgültige Bruch eingetreten. Und im Laufe der ganzen neueren Geschichte brach der europäische Mensch nicht endgültig mit seinen religiösen Grundlagen. Nur dank dem war die Humanität möglich, war das Aufblühen der menschlichen Individualität und des menschlichen Schöpfertums möglich. Der Humanismus Goethes hatte eine religiöse 237

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