Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 114)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823778--0734-2824683- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
in den Wissenschaften und Künsten, im intellektuellen Leben und dann auch im politischen. Der Sozialismus setzt den Rechten des Menschen die Rechte des Kollektivs entgegen, das nicht die Menschheit ist, in dem nichtmenschliche Züge zutagetreten. In dem Kollektivismus, zu dem der Humanismus in seiner historischen Dialektik gelangte, werden alle Rechte des Menschen aufgehoben, aufgehoben wird selbst die Freiheit des Denkens, mit der die Renaissance begann. Alles Denken wird zu einem zwangsmäßigen gemacht, es wird untergeordnet dem sozialen konfessionellen Zentrum, d. h., es findet eine Rückkehr zum Mittelalter statt, jedoch bereits nicht mehr auf religiöser, sondern auf materialistischer Grundlage, auf der Grundlage der materialistischen Antireligion. Das Ende der Renaissance bedeutet die Erschöpfung und Vernichtung des persönlichen Prinzips in den menschlichen Gemeinschaften, des Prinzips der persönlichen schöpferischen Iniative, der persönlichen Verantwortung, und den Triumph des kollektiven Prinzips. Es macht sich nicht nur im Sozialismus sondern auch im Anarchismus bemerkbar, der für unsere Epoche nicht weniger charakteristisch ist. Die Geschichte der Neuzeit, die mit der Renaissance begann, läßt sich charakterisieren durch ein üppiges Aufblühen des Staatenwesens; dadurch unterscheidet sie sich vom Mittelalter, in dem das staatliche Bewußtsein schwach war. Das Mittelalter war internationalistisch, universalistisch. Die Neuzeit ist die Zeit der nationalen Staaten. Den neuen Staaten liegt die humanistische Selbstbejahung des Menschen, zuerst in Monarchien, dann in Demokratien, zugrunde. Aber die humanistischen nationalen Staaten der neueren Geschichte bargen den Keim der Selbstverneinung in sich. Die rein humanistische Volksherrschaft untergräbt die religiöse Grundlage des Staates und schafft die Grundlage für seinen anarchischen Zerfall. Der Anarchismus ist das Ende des Staates der Renaissance-Epoche. Im Anarchismus findet nicht nur die Selbstverneinung des humanistischen Staates, sondern sowohl die Selbstverneinung als auch die Selbstvernichtung des persönlichen Prinzips, der endgültige Zusammenbruch des Individualismus in seinem scheinbaren äußersten Triumph statt. Das persönliche Prinzip war sehr eng und unzertrennlich mit dem staatlichen Prinzip verknüpft. Im Anarchismus aber siegt wiederum dieselbe kollektive, elementare Massengewalt, die sowohl der Persönlichkeit als auch dem Staat feindlich gesinnt ist. Der Geist des Anarchismus ist kein schöpferischer Geist, 236