Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 111)
- Language
- German
- Belongs to
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mittelalterlichen Scholastik kann man eher einen Menschen finden als in der erkenntnistheoretischen Neoscholastik. Der moderne Erkenntnis - kritizismus ist das Produkt einer Epoche geistigen Verfalls. Derselbe Prozeß der Selbstvernichtung des Menschen auf der Grundlage der humanistischen Selbstbejahung findet überall statt. In der Theosophie zerspaltet, zergliedert und zerschichtet sich das geschlossene Idealbild des Menschen; es liefert sich den Astralwirbeln zur Zerfleischung aus. Die moderne Theosophie ist gegen den Menschen und seinen schöpferischen Überfluß feindselig, an ihr ist nichts Renaissancehaftes. Sie vernichtet das persönliche Prinzip in der gleichen Weise, wie es der Positivismus vernichtet, wie es auch der erkenntnistheoretische Kritizismus vernichtet. Die Theosophie glaubt an die Realität der menschlichen Persönlichkeit nicht mehr als der gewöhnlichste materialistische Naturalismus. Sie ist der den Menschen vernichtende, auf geistige Welten übertragene Naturalismus. Solche Theosophen der Renaissance-Epoche wie Paracelsus priesen den Menschen hoch und stellten ihm schöpferische Aufgaben. Solche Theosophen unserer Epoche wie Steiner nennen sich zwar Antroposophen, versklaven jedoch den Menschen endgültig der kosmischen Evolution, deren Sinn unverständlich ist, während der von ihnen entdeckte Weg der Selbstvervollkommnung des Menschen kein schöpferischer Weg ist. Die Theosophie leugnet Gott, die Anthroposophie leugnet den Menschen. Der Mensch ist nur ein vergängliches Moment der kosmischen Evolution, er muß überwunden werden. Die theosophischen Strömungen unserer Epoche kennzeichnen die Erschöpfung und das Verlöschen des schöpferischen Überflusses des Menschen. In ihnen verlöscht die menschliche Individualität und hört das freie Spiel der menschlichen Kräfte auf. Der Mensch verliert sein inneres geistiges Zentrum und sucht dieses in der Vereinigung und Zerlegung kosmischer Kräfte. Die theosophische Erkenntnis schaut die tote Natur und den toten Menschen. Das ganze herrschende Geistesleben unserer Epoche steht unter dem Zeichen des Renaissance-Endes. Der naturwissenschaftliche Charakter der Bildung bricht mit der Renaissance. Aber die Festigkeit der physikaüsch-mathematischen Renaissance-Weltanschauung Newtons ist durch die moderne Physik erschüttert. Die Lehren von der Entropie, der Radioaktivität, dem Atomzerfall der Materie und die Relativitätstheorie stellen eine richtige physikalische Apokalypse dar. ★ ★ ★ 233