Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 112)
- Language
- German
- Belongs to
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Für unsere Epoche sind die sozialistischen Tendenzen bezeichnend. Sie durchsetzen nicht nur das ökonomische und politische Leben sondern auch die ganze moderne Kultur, die ganze moderne Moral; sie kennzeichnen ein besonderes Lebensgefühl. Der Sozialismus ist nur die andere Seite des Individualismus, er ist das Ergebnis des Zerfalls und der Zersetzung des Individualismus. Am Wege der Atomisierung der Gesellschaft lauert der Sozialismus als innere dialektische Unabwendbarkeit: Prinzipien einer bestimmten Art müssen zum Sozialismus führen. Der Sozialismus und der Individualismus sind dem organischen Weltempfinden und der organischen Weltauffassung in gleicher Weise feindselig. Der Sozialismus ist nur ein grelles Symptom des Renaissance-Endes, in ihm endet das freie Spiel der überschüssigen Menschenkräfte der neueren Geschichte. Die menschlichen Kräfte werden gefesselt und zwangsmäßig einem Zentrum untergeordnet, jedoch bereits nicht mehr einem religiösen, sondern einem sozialen. Das Pathos der schöpferischen Individualität wird ersetzt durch das Pathos der zwangsmäßig organisierten Kollektiv-Arbeit. Die menschliche Individualität wird den Kollektivitäten, den Massen untergeordnet. Das Idealbild des Menschen wird durch das unpersönliche Idealbild des Kollektivs verdunkelt. Hinsichtlich jeglichen schöpferischen Uberflusses wird eine argwöhnische Regulierung eingesetzt. Das Schwergewicht des Lebens wird in die Ökonomik verlegt, den Wissenschaften und Künsten aber, der höchsten schöpferischen Kultur, den geistigen Werten wird der Platz eines „Uberbaus" eingeräumt. Der Mensch verwandelt sich in eine ökonomische Kategorie. Der Sozialismus hat eine humanistische Grundlage und ist humanistischen Ursprungs; er ist erzeugt vom Humanismus der neueren Geschichte, er wäre unmöglich ohne die Selbstbejahung des Menschen und die Verlegung des Schwergewichts des Lebens in das menschliche Wohl. Aber im Sozialismus gelangt der Humanismus zu seiner Selbstverneinung. Das proletarische Klassenbewußtsein ist bereits nicht mehr ein humanistisches, sondern ein antihumanistisches Bewußtsein. Der Mensch wird durch die Klasse ersetzt. Der Wert des Menschen, seiner individuellen Seele und seines individuellen Schicksals wird geleugnet. Der Mensch wird zu einem Mittel für das gesellschaftliche Kollektiv und für dessen Entwicklung. Der Humanismus hat die Humanität als besondere moralische Gesinnung erzeugt. Diese Humanität war das menschliche Mittelreich. Sie zersetzt sich 234