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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 110

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 110)
Language
German
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wannen in der weiteren Entwicklung des Positivismus nicht die Oberhand, ja, die Positivisten schraken sogar vor ihnen zurück. Aber selbst die positivistischsten Elemente des Positivismus stellen eine Reaktion gegen den Geist der Renaissance dar. Der Positivismus begann schnell zu entarten, es machte sich ein Versiegen der schöpferischen Prinzipien der Erkenntnis in ihm bemerkbar. Gegenwärtig kann man schon nicht mehr ernsthaft von einem Positivismus in der Philosophie sprechen. In der europäischen Philosophie herrscht schon seit langem nicht der Positivismus, sondern die kritische Philosophie, die in Kant ihren geistigen Vater erblickt. Die kritische Philosophie kann man als eine der spätesten Phasen der Reformation betrachten. In der modernen deutschen Erkenntnistheorie trägt die Reformation ihre letzten, geistig verfeinertsten Früchte. Während am Anfang der Geschichte der Neuzeit, an den Quellen der Reformation, eine Empörung des Menschen stattfand und der Mensch sein Selbstbestimmungsrecht verkündete, will der Mensch am Ende der Geschichte der Neuzeit, als geistige Folge der Reformation, sich im Prozeß der Erkenntnis gewissermaßen von sich selbst befreien, sich überwinden, sich über jeglichen Anthropologismus erheben. Die deutsche Philosophie der Gegenwart, repräsentiert durch Cohen, Husserl und viele andere, bekämpft vor allem den Anthropologismus; sie ist mißtrauisch gegen den Menschen, sie erblickt in ihm die Quelle der Relativität und Unsicherheit der Erkenntnis, sie strebt einen nichtmenschlichen Erkenntnisakt an. An der kritischen Erkenntnistheorie ist etwas, was an den Kubismus erinnert, sie zerlegt ebenfalls den Organismus der menschlichen Erkenntnis in Kategorien, wie Picasso und andere den menschlichen Körper in Würfel zerlegen. Es ist dies ein Prozeß analytischer Zerspaltung und Zergliederung der organischen Ganzheit. Das Idealbild des Menschen geht in der kritischen Erkenntnistheorie zugrunde. Sie kennzeichnet ebenfalls das Ende der Renaissance, in ihr erschöpft sich und stirbt der Renaissancegeist des schöpferischen Überflusses. Auch in der Erkenntnis gelangt der Mensch auf dem Wege seiner autonomen Selbstbestimmung und Selbstbejahung zur Selbstverneinung und Selbstvernichtung. Nachdem der Mensch sein geistiges Zentrum und die geistige Quelle seines Seins verloren hat, verliert er auch sich selbst, er verliert sein ewiges Idealbild, er Hefert sich der Gewalt von irgend etwas Nichtmenschlichem aus. In der 232

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