Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 109)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823778--0729-2824678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nichtung aller antiken und Renaissanceformen, es kennzeichnet das Abrücken von der Natur, vom Menschen und von Gott. Es ist das Ende der Renaissance, das Ende der humanistischen Epoche. Die moderne Kunst wird von diesem Ende der Renaissance, von dem Untergang der menschlichen und natürlichen Formen immer mehr und mehr ergriffen. Barbarische Prinzipien brechen in sie ein, sie wird zerrissen von barbarischen Tönen und barbarischen Bewegungen. Die Dynamik dieser Kunst verliert ihren kosmischen Rhythmus. Schon der Positivismus des 19. Jahrhunderts war zweifellos der Anfang des Renaissance-Endes. Der Positivismus ist vom Geist der Renaissance erzeugt, aber in ihm erschöpft sich dieser Geist. Dem Positiv ismus fehlt bereits der schöpferische Uberfluß der Erkenntnis, ihm fehlt der freudige Rausch an der Erkenntnis der sich offenbarenden rVaturgeheimnisse. Der Positivismus ist schon das Bewußtsein der Beschränktheit der menschlichen Kräfte, er ist Erkenntnismüdigkeit. Dem Positivismus verschließen sich die Geheimnisse der Natur. Der Positivismus stutzt dem Menschen die Flügel. In der Renaissance-Epoche war die Naturerkenntnis das Resultat freudiger Erkenntnis. Der typische Renaissance- Mensch war Pico della Mirandola, - der direkte Gegensatz zu jeglichem Positivismus. Auch das Pathos Lionardos war dem Positivismus entgegengesetzt, aber in ihm lag schon der Keim, aus dem sich der Positivismus entwickeln mußte. Die Renaissance trug auf allen Gebieten den Keim ihres Untergangs, ihres Endes in sich, das keine Ähnlichkeit mit dem Anfang hat, sowohl auf dem Gebiet der Erkenntnis als auch sonst überall. Der Positivismus Auguste Comtes hat zwei entgegengesetzte Quellen, die von zwei entgegengesetzten Seiten den Geist der Renaissance vernichten: den Rationalismus der Aufklärung und die geistige Reaktion O DO auf die französische Revolution. Comte war ein entarteter Katholik, ein umgestülpter Katholik. Er hat viel Mittelalterliches an sich, in ihm findet die Rückkehr zum mittelalterlichen Hierarchismus, zur Organisation und Autorität statt; er will von neuem sowohl die menschliche Erkenntnis als auch das menschliche Leben einem geistigen Zentrum unterc5 c? ordnen und der geistigen Anarchie der neueren Geschichte ein Ende machen. Es ist kein Zufall, daß Comte Joseph de Maistre so hochschätzte; er hat vieles von ihm gelernt. Diese mittelalterlichen und religiösen, wenn auch in der Form veränderten Anfänge des Comteschen Positivismus ge- 231