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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 108)
Language
German
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sehe Malerei, in welcher die Modeströmungen des Morgen schnell die Strömungen des Heute ablösen, geht in der Zerfleischung des menschlichen Idealbilds noch weiter. Die festen Grenzen aller Naturformen werden durchbrochen, alles kann in alles übergehen, der Mensch verwandelt sich in unbeseelte Gegenstände; Zeitungsanzeigen, Glasstücke und Schuhsohlen brechen in jede Naturform hinein und zerstören sie. Die Formen des menschlichen Körpers sind antike Formen, und ihre Zerstörung ist der endgültige Bruch mit der Antike. Die futuristische Poesie zersetzt in der gleichen Weise die menschliche Seele, sie fügt in die menschliche Seele die gleichen Zeitungsanzeigen, Glasstücke und Schuhsohlen ein, sie versklavt die Seele den Geräuschen der Automobile und Flugzeuge. Die Zersetzung der menschlichen Seele begann bereits im Impressionismus. Die Seele des Menschen zerfiel in Augenblicke. Das Zentrum der Seele war endgültig verloren gegangen. Die Selbstbejahung des Menschen führt zum Untergang des menschlichen Idealbilds. Der Mensch reißt sich von seinen ewigen geistigen Quellen los und unterwirft sich der zermalmenden Macht der Zeit. Der Futurismus ist aus der menschlichen Selbstbejahung entstanden. Aber der Futurismus ist das Ende des Humanismus, er ist dessen Selbstnegierung. Im Futurismus verliert der Mensch sich selbst, er hört auf, sich seiner Eigenart bewußt zu sein. Der Mensch verschwindet in irgendwelchen nichtmenschlichen Massen. Im Futurismus ist der Mensch durch nichtmenschliche Kollektive versklavt. Es ist kein Zufall, daß der Futurismus sich als verwandt erwies mit den extremsten Formen des sozialen Kollektivismus. Den Prozeß des Endens und Verlöschens der Renaissance, die Zerfleischung und Vernichtung des menschlichen Idealbildes kann man am dichterischen Gestalten Andrej Bjelys, eines der hervorragendsten Künstler unserer Epoche, beobachten. Bjely ist dem Futurismus verwandt, aber er überragt alle Futuristen um viele Köpfe. In dem dichterischen Schaffen Bjelys werden alle Naturgrenzen, alle schöpferischen Formen durchbrochen; in ihm werden der Mensch und der ganze Kosmos durch Wirbelbewegungen zerschmolzen. Das menschliche Idealbild ist in seinem Schaffen nicht zu finden. Das menschliche Idealbild ist bereits nicht mehr von einem Lampenschirm oder von einem Prospekt einer großen Stadt zu unterscheiden; es versinkt in der kosmischen Unendlichkeit. Das für unsere Epoche charakteristische dichterische Schaffen Bjelys ist eine Verletzung und Ver- 230

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