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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 99

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 99)
Language
German
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in Phantasieumgang verschleiert werden. So kommt es dazu, daß halb göttliche Wesenheit aufgerufen wird, die Lücken der Wirklichkeit zu füllen. In dieser Verfangenheit stehen Rilkes Dichtungen, und das liegt als berechtigter Kern dem zugrunde, was man über Rilke durchschnittlich meint. Man hat an seinem Werk gewisse sehr auffällige Züge als dekadente Weltflucht und selbstgefällige Artistik, als Verkrampfung und Verwesungsschwüle nicht ganz unrichtig empfunden, aber sehr falsch betont in den Vordergrund gerückt. Denn andererseits ringen Rilkes erke und am stärksten die Elegien wie kein anderes Dichtwerk der Zeit mit dieser ihrer Problematik, die nur die extreme Steigerung der Problematik heutiger Dichtung ist. Die moderne Dichtung steht, wie das heutige großstädtische Dasein, unter dem Verhängnis eines Verfallenseins an die wuchernden Phantasiemöglichkeiten mitsamt der Zerstreuung und Befriedigung in ihnen. So lenkt sie ab von echtem Dasein. - Die Duineser Elegien sind das weit hinausgekämpfte Vorgebirge der modernen Dichtung. Von ihrer Not, wie von einem saugenden Strudel weiter getrieben richten sie geheilt und als heilendes Gegenbild den zitternden Bau ihrer Strophen auf, dann wieder in den Strudel zurückgerissen, beginnen sie unaufhörlich neuen Andrang. Das setzt sich in einem fortdauernden Atem durch die zehn Elegien hinfort. Es ist in der Tat ein Ringen mit und um den unsichtbaren Engel, der nicht umsonst am Anfang und dann immer wieder angerufen wird. So ist Rilkes Werk Zeugnis einer bis zu ihren Grenzen vorgetriebenen, in ihren Grenzen immer noch verfangenen Dichtung. Diese Dichtung muß unfruchtbar bleiben, wenn die Situation, aus der sie spricht, nicht verstanden wird. Aber dem, der des Dichters menschliche Lage begriffen hat, wird auch in Rilkes Werk ein noch unabsehbarer Lebensgehalt erkennbar. Während sich uns an der Verstrickung dieses Lebens die Verstrickung unser selbst dichter aufschließt, werden Rilkes Worte was sie sein sollen - „Früchte der Tröstung" und Anstoß. 221

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