Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 98)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823778--0718-2824667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ließe Rilkes Dichtertum dieses Verhältnis des Menschen nicht aufkommen. Darum bleibt er nicht bei den säglichen Dingen; sondern sucht nun, während Gott in die Ferne abgedrängt ist, in sagbaren Dingen göttliche Wesenheit. Rilkes Gedichte suchen doch zu Gott hinzukommen, während der Dichter sich bew^ußt ist, daß ein solcher Versuch immöglich ist. Das gibt besonders den Duineser Elegien ihre gebrochene Haltung, das was ihren Charakter als Elegien konstituiert. Während Rilke das Anrufen Gottes im Gedicht als Werbung verwirft, bricht dieses Werben doch zwischen seinen Worten durch; und während er den Engel - denn an Stelle des zu fernen Gottes tritt ihm der Engel - anruft, ist dieser Anruf zugleich „voll Hinweg". Und noch stärker setzt sich das Bemühen, innerhalb der sagbaren Dinge göttliche Wesenheit zu fassen, in dem durch, was Rilke in der vierten Elegie als Puppenspiel dargestellt hat. Im Umgang mit der Puppe, einer stummen Wirklichkeit, die beladen wird mit lebendigem Sinn, drängt der Dichter denn nun auf Gott zu. Von der Leere des täglichen ungöttlichen Lebens flüchtet er in die Gefülltheit der Puppe. So spricht und spielt er mit der Erde, der Nacht, mit Orpheus, den Göttern. Das aber besagt, daß hier der Bezug zum Ich-fremden Du gesucht wird innerhalb des Ich und seiner Schöpfergewalt. Die Problematik dieses von Gott abgewandten, aber götterschaffenden Dichtens reicht in die Problematik des Dichtertums überhaupt hinab. Sie macht als Mangel spürbar, daß uns das Wissen um die Situation der Dichter im Zusammenhang der Wirklichkeiten fehlt und damit das Verständnis für spezifische Gefahren einer Abdrängung des Menschen von echtem Dasein, die aus der Situation des dichterischen Lebens entspringen und durch die Dichtung sich im Leben des den Dichter hörenden Menschen auswirken. Rilke hat um die Verfangenheiten des Dichtertums gewußt und über sie hinaus gestrebt. Zuzeiten sah er die Möglichkeit der Worte tief unterhalb des wissenden Lebens liegen. Er glaubte schweigen zu müssen. Dann wieder hat er im Gedicht reflektierend, in der Elegie über die Schranke des Dichterischen hinaus gestrebt. Dann sucht er im Sagen der täglichen Dinge die echte Aufgabe des Dichters. Aber wieder gleitet er ab vom Bestehen des Wirklichen. Das Totenreich überwächst die Täglichkeit des Lebens. Auch in seinem Gedicht, das auf die Wirklichkeit des Menschen hinweist, bleibt die Sicht von dem Schatten des Dichtertums verdunkelt. So kommt es zur Leugnung der Leiden, die für Irrtum erklärt, 220

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.