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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 100

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 100)
Language
German
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journal issue
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MARTIN BUBER CHASSIDISCHE GESCHICHTEN „Ich glaube" Rabbi Noach von Lecliowitz hörte einst von seiner Kammer aus, wie im dranstoßenden Lehrhaus einer seiner Treuen die Glaubenssätze zu sprechen begann, dann aber, sogleich nach den Worten „Ich glaube in vollkommnem Glauben" abbrach und sich zuflüsterte: „Das versteh ich nicht", und nochmals: „Das versteh ich nicht". Der Zaddik trat aus der Kammer ins Lehrhaus, „Was ist es, das du nicht verstehst?" fragte er. „Ich verstehe nicht, was das für ein Ding ist", antwortete der Mann. „Ich sage: Ich glaube. Glaube ich wirklich, wie geht es dann zu, daß ich sündige? Glaube ich aber nicht wirklich, warum sage ich dann eine Lüge her?" „Es heißt," sagte Rabbi Noach zu ihm, „der Spruch ,Ich glaube4 sei ein Gebet. ,Ich möge glauben6, das bedeute er." Da glühte der Chassid auf. „So ist es recht", schrie er, „so ist es recht! Möge ich glauben, Herr der Welt! möge ich glauben!" Die fünfzigste Pforte Ein Schüler Rabbi Baruchs von Mezbiz hatte, ohne seinem Lehrer davon zu sagen, der Wesenheit Gottes nachgeforscht und war im Gedanken immer weiter vorgedrungen, bis er in ein Wirrsal von Zweifeln geriet und das bisher Gewisseste ihm unsicher wurde. Als Rabbi Baruch merkte, daß der Jüngling nicht mehr wie gewohnt zu ihm kam, fuhr er nach dessen Stadt, trat unversehens in seine Stube und sprach ihn an: „Ich weiß, was in deinem Herzen verborgen ist. Du bist durch die fünfzig Pforten der Vernunft gegangen. Man beginnt mit einer Frage, man grübelt, ergrübelt ihr die Antwort, die erste Pforte öffnet sich: in eine neue Frage. Und wieder ergründest du sie, findest ihr die Lösung, stoßest die zweite Pforte auf, - und schaust in eine neue Frage. So fort und fort, so tiefer und tiefer hinein. Bis du die fünfzigste Pforte aufgesprengt hast. Da starrst du die Frage an, deren Antwort kein Mensch erreicht, denn kennte sie einer, dann gäbe es nicht mehr die Wahl. Vermissest du dich aber weiter vorzudringen, stürzest du in den Abgrund." „So müßte ich also den Weg zurück an den Anfang?" rief der Schüler. „Nicht zurück kehrst du", sprach Rabbi Baruch, „wenn du umkehrst: jenseits der letzten Pforte stehst du dann, und stehst im Glauben." 222

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