Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
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er hinblickt, und dem Gegenwärtigen, von dem er losstrebt. Dieser Zwischenstellung war Rilke sich in gewisser Weise selbst bewußt. Er empfand sich als enterbt zwischen dem Früheren, das er, obwohl er es als nicht mehr zeitig erkannte, zu bewahren strebte, und dem Nächsten, das ihm noch nicht gehörte; ohne hierbei wohl die Problematik in diesem Bemühn um Bewahrung des Früheren, das von den Notwendigkeiten eines heutig wirklichen Lebens ablenkt, ganz zu erkennen. Wir können nicht sagen, ob Rilke auf Grund seines persönlichen Wesens verhindert war, über diese Zwischenstellung herauszukommen. Wohl aber sehen wir, daß Rilke nicht das erreicht, worauf er Anlauf nimmt, daß es Rilke nicht möglich war, das Persönliche seiner Lage in Einklang zu bringen mit dem, was er von den Erfordernissen eines zukünftigen Lebens wußte. „Bang verlangen wir nach einem Halte, wir zu Jungen manchmal für das Alte und zu alt für das, was niemals war/6 Rilke vermag nicht, was doch vor seinem Werke als Möglichkeit sichtbar wird, aus der Situation niedergehenden Lebens Wissen vom Menschen zu gewinnen und Lehre, die für Menschen in Lagen aufsteigenden wie niedergehenden Lebens gilt. Sinnvoll aber im Dienste einer Auseinandersetzung mit Rilkes Werk, wie wir sie anstreben, ist die Einsicht in einen Motivationszusammenhang, aus dem Rilkes Lage verstehbar wird. Denn diese Einsicht führt zurück auf die Existenz des Menschen, auf die ihm gegebene Möglichkeit, eine bestimmte Weise der Existenz zu ergreifen. Das Versagen der Bestrebung um Wirklichkeit des Menschen steht innerhalb von Rilkes eigenen Intentionen im Zusammenhang mit seiner Existenz als Dichter. Rilke hatte sich Gott vorgenommen. Aber als Dichter kann er nicht zu Gott sich in Beziehung setzen; sein Dichtertum leitet ihn von Gott fort. ,,Das Schöne ist nur des Schrecklichen Anfang", d. h. des von Gott her das Ich Richtenden und Zerstörenden. Dichten muß sich, wie Rilke weiß, außerhalb des Verhältnisses zu Gott halten. Gott kann nicht Objekt dichterischen Umgangs, Inhalt des Gedichts werden. Wo der Mensch ein Gottes - bild sucht, da will er im Unsäglichen ausruhen; im Sinne jenes fehlgehenden Triebes nach Besitz des Erlebens. - Aus dieser Erkenntnis heraus hat Rilke für den Dichter Umgang mit den sagbaren Dingen der Erde gefordert. Aber wenn Gottes Stimme als erlebbare Wirklichkeit nicht bestehbar ist, für den Dichter, sollte sie darum auch als gehörter, täglicher Anspruch für den Menschen unerträglich sein? Es scheint, als 219