Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 96)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823778--0716-2824665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9. Die Seele des Dichters sucht sich in sich selbst zu befestigen. Nicht unbeachtlich ist es, wenn sie sich anspricht als „auf dem ruhenden Berge die Burg46. So kann es kommen, daß der Tod jetzt wieder gesehen wird als „Vergewaltigung" durch den „Demiurg". Die Bewegung des Dichters, der von Ichsucht und Ichangst loskommen will, bleibt auf halbem Wege stehen. Sie bleibt verfangen in dem Zirkel von Ichüberhebung, Angst und Hingabe an den als vertraulich gedeuteten Tod. Dieses Verfangenbleiben in dem, worüber er hinausstrebt, durchherrscht die ganze Lehre des Dichters. Auch an den Vorbildern echten Daseins, die Rilke aufruft, zeigt sich das Abgleiten. Das Kind, das Tier, die Blume, die Menschen früherer Zeiten, der Held als vom Schicksal Geführter - bei allen ist wohl ein Mitgehen mit der Zeit, aber dieses Mitgehen ist ein gebundenes. Für sie, sowie Rilke sie versteht, ist Bestimmung und Erlebnis identisch. „Schooß ist alles", wie Rilke das Leben von Tieren deutet. Ihr Dasein liegt unterhalb des Bereichs menschliehen ichbewußten Entschließens. Die Sehnsucht nach derart in das Erleben eingebundenem Dasein ist selbst eine Flucht vor dem mit der Ungebundenheit des freien Menschen gegebenen Stehen zum eigenen Ich, dessen Ungesichertheit, dessen bevorstehendem Tod. Rilke hängt durch diese Sehnsucht zusammen mit jener Tendenz des modernen Menschen auf ein Ich-überschattendes Erleben. So wird es verständlich, daß innerhalb der Reihe von Bildern eines schicksalhaften Lebens die Mutter steht, die gerade dem Kinde Schicksal fern hält; die zu bewirken vermag, daß das sich drohend nahende Schicksal „hinter den Schrank" tritt. Es läge nahe, dieses Zurückstreben aus der eigentlich menschlichen Möglichkeit eines bewußt handelnden Daseins in Beziehung zu setzen mit dem, was man wie wir sahen Rilkes Dekadenz nennt. Sein Leben und Wirken wäre zu verstehen aus Rückbildungstendenzen, die seiner biologischen Anlage entstammen. Dieses Gesetz der Rückbildung spräche sich aus in der Richtung seiner Gedanken, in der Wahl dieser Vorbilder aus Lagen einer niederen Entwicklung. Eine solche Deutung - gleichgültig ob richtig oder falsch - würde die Möglichkeit eines Verhältnisses zu Rilkes Werk verbauen. Wichtig für uns, an die sich Rilkes Worte wenden, ist nicht eine Deutung von Rilkes Wesenstruktur, sondern die Erkenntnis der Zwischenstellung dieses Menschen zwischen dem Zukünftigen, auf das 218