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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 95

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 95)
Language
German
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Dichte ihrer nur dem so geweiteten und gebundenen Menschen aufgetanen Fühlbarkeit. Von hier aus hat er an unscheinbaren, abseitigen, schlimmen Wirklichkeiten die Gnade entdecken können. Und wie man erzählt, hat Rilke im bewußten Erleiden des eigenen qualvollen Todes diesen Weg zu Ende gelebt. Daß Rilke einen Weg so wieder eingeschlagen hat, der zu allen Wegen der Zeit und ihrer Bemühungen quer geht, daß er sich in Leben und Wort dem Todhaften des Lebens entschlossen zugekehrt hat, macht seine Dichtung so einzigartig bedeutsam. Rilke hat es gewagt, in der Bereitschaft zum Tode, zu Ichbegrenzung und Entsagung die Wirklichkeit des Menschen zu ergreifen. Aber wenn diese Bereitschaft zum Tode verknüpft mit seiner Lehre sich an uns wendet, wonach sich dem Bereitwilligen an der Bejahung des Todhaften in der Wirklichkeit unmittelbar die Gnade erschließe, so können wir dem Dichter nur ein Stück auf seinem Wege folgen. Es ist so, als sollte dieser Weg wohl beschritten werden, aber er könnte nicht zu Ende gegangen werden. Als wäre die Güte der schlimmen Dinge nur „halbwegs" wirksam; sie könnte wohl geglaubt und erfahren, aber niemals als sicher gewußt und angestrebt werden. Und als wäre der Versuch, dem Tode völlige Begnadung abzuringen, schon wieder ein Abweg; sei es ein unechtes Überbauen des Dunklen mit phantasirgeborener Schein Wirklichkeit, sei es ein dem Bereich unterbewußter Tendenzen entstammender Wille zum Tod. - Oder aber die Vertrautheit mit dem Tode erscheint nur als die bestimmte Möglichkeit einer Anzahl von exponierten Menschen, denen sie wirklich aufgetragen ist. Es ist Rilke nicht gelungen, in dieser Richtung eine eindeutige Möglichkeit zu eröffnen. Wenn er in den Sonetten das Totenreich aufruft, so ist nicht mehr von jedermanns, von unser aller Tod die Rede. Nun schiebt uns der Beschwörende einen dichterisch maskierten Tod unter. An diesem letzten Punkt setzt sich die Angst um das Ich bei dem Dichter fest und schlägt seine Position mit Unwirklichkeit. Die Zweideutigkeit, die sich an der Lehre von der besitzlosen Liebe zeigte, beherrscht auch das Verhältnis zum Tode. Durch Vorausnehmen des großen Abschieds soll der Mensch vor der Erschütterung durch die kleinen bewahrt bleiben. Der Tod, durch den Rilke doch die Freiheit vom Ich, das Entspringen zur Wirklichkeit suchte, wirdein verdunkelter Umraum, mit dem sich der Dichter gegen die Helle der Wirklichkeit schützt. Der Tod wird Besitz, er wird „eigener" Tod. 217

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