Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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irgendwelcher Art zu Bewußtsein zu bringen, damit wenigstens das Draußen und Drinnen für eine Weile wiederhergestellt wurde. Deutlich konnte ich jedenfalls sehen, daß der solchermaßen exponierte Mensch geradezu seinen „Ort" verliert. Er gerät ins Niemals und Nirgends, und damit verwirrt sich seine Schau, so daß er sehenden Auges erblindet. Er hat keine Begegnungen und keine Widerstände; alles fährt durch ihn hin wie durch einen Nebel. Gespenstisch, ohne Heimatrecht, ragt er aus einer andern Dimension in diese Welt herein, an die er doch gebunden ist und deren Leben er äußerlich mitmacht, wie ein schlechter Schauspieler mit hilflosem Händeheben eine ihm fremde Rolle spielt. Ein schreiender Widerspruch duckt sich in ihm zusammen, ein Streit so wilder Art, daß er jeden Augenblick mit wechselseitigem Todschlag endigen müßte. In diesem Streit hebt sich seine Menschlichkeit vollkommen auf, die grenzenlose Öde dehnt sich in ihm, die Wüste, die nicht stillesteht, sondern unaufhörlich „wächst46. Nichts geht ihn an, nichts ist ihm bekannt. Er lebt im Unmöglichen, weit fort von uns, an dem archimedischen Punkt, von dem aus man die Welt aus den Angeln heben kann, wenn man selber bereit ist, in den Abgrund zu stürzen. Er steht in einer Beziehungslosigkeit ohnegleichen; die schrecklichste Freiheit ist für ihn verwirklicht. Er hört, ohne zu fühlen, er nimmt wahr, ohne sich anzueignen, er sieht, ohne zu kennen. Er ist ein Hunger und ein Durst, doch ohne alles Werkzeug und Organ, um Trank und Nahrung aufzunehmen. Seines Geschlechtes sind alle abgefallenen Geister, die so häufig in der Geschichte der Menschheit ihren brennenden Durst nach Leben bekannt haben, weil sie sich von ihrem Lebensgrunde getrennt haben und in die Wüsten geraten sind. Denn aller Abfall führt in die Leere, in die künstlichen Gegenw elten, in die „paradis artificiels66 und in das ganze ungeheure Ersatz-Wesen, das sich vergebens bemüht, die Leere auszufüllen. Denn nur auf reales „Leben"6 geht das Verlangen des Menschen; d.h. darauf, daß er „Ort66 und „Einheit66, Raum und Gegenwart, Widerstand und Verpflichtung, Ordnung und Grenze gewinne; was alles er nur erlangen kann, w7enn die Abspaltung seines Ichs vom Lebensgrunde wieder geheilt wird. Nur zwischen „Sein66 und „Nicht-Sein66 liegen alle Möglichkeiten menschlicher Verirrung und menschlicher Aufraffung. Und vielleicht wird nur von der radikalen Unduldbarkeit des Nicht-Seins aus der Blick zum Sein hinüber frei, lange ehe geistige, religiöse, sittliche Lebens- 194